Die Kirche als Spiegel der Gemeinde

Wenn Gemeinden kleiner werden, werden Kirchen und Gemeindehäuser
zur Last. Spätestens dann stellt sich die Frage, wie viele Kirchengebäude
ein Bezirk braucht – und wo dieser Bau stehen soll. In Herrenberg hat
man den Schritt gewagt und drei Gemeinden zu einer an einem neuen
Standort vereinigt. Ich habe die neue Christuskirche besucht
und mich mit Pastor Alfred Schwarzwälder unterhalten.

Wie in vielen Bezirken der EmK wurde auch in Herrenberg_002Herrenberg schon seit Jahrzehnten darüber diskutiert, ob die drei Bezirksgemeinden nicht besser an einem zentralen Ort zusammenkommen sollen. Drei Gebäude, darunter die zentral gelegene Christuskirche von 1897, zu unterhalten, war schlicht zu teuer geworden. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde es dann schließlich konkret: Die Gemeinden Affstätt, Herrenberg und Kuppingen beschlossen zu fusionieren und an einem neuen Standort zu bauen. Nach einer intensiven Planungs- und Bauphase konnte die neue Christuskirche am 1. März dieses Jahres eingeweiht werden (siehe »unterwegs« 7/2015).
Der Weg dorthin war nicht einfach: Zunächst wurde überlegt, die alte Christuskirche zu sanieren. »Aber die Mehrheit der Gemeinde kam zu der Überzeugung, dass es sinnvoller und besser kalkulierbar ist, wenn man neu baut«, sagte Pastor Alfred Schwarzwälder. »Bei einer Renovierung gibt es immer Unwägbarkeiten, die Risiken wollten wir nicht eingehen.« Zudem hätten die Gemeinden in Affstätt und Kuppingen deutlich gemacht, dass sie ihre Versammlungsgebäude nicht aufgeben werden, wenn die Herrenberger Gemeinde in ihrer Kirche bleibt – sie wollten nicht bloß Zugezogene sein.
Deshalb ist Kirche weit mehr als ein Neubau: Die bereits fusionierten Gemeinden sind jetzt auch räumlich zusammengerückt. »Viele waren nicht glücklich über den Entschluss, neu zu bauen«, erzählt Schwarzwälder.
»Manche von außerhalb wollten auch partout nicht nach Herrenberg kommen – obwohl der Weg zur neuen Kirche kürzer ist als zum vorigen Versammlungsraum.«

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Kunst im Kirchenraum ist wichtig, sagt Pastor Alfred Schwarzwälder

Endlich zusammen
Aber seit die neue Kirche steht, seien diese Bedenken und Vorbehalte verschwunden. »Die Gemeinde hat die Vorteile erkannt. Zuvor hatten wir fast zehn Jahre Gottesdienste an wechselnden Orten, die Gemeinde war fast nie komplett versammelt «, berichtet der Pastor. Der Zusammenhalt und das Zusammengehörigkeitsgefühl seien jetzt viel größer. »Die wöchentliche Begegnung tut uns gut, und vieles ist einfacher zu organisieren.« Schwarzwälder hat beobachtet, dass sich die Atmosphäre in der Gemeinde wesentlich verbessert hat.
Das könne auch auf die Umgebung ausstrahlen. »Für Menschen, die Nähe im Gottesdienst suchen, sind wir hier sicher die Top-Adresse«, sagt Schwarzwälder.
»Bei uns kann man seine persönliche Frömmigkeit entwickeln.«

Wie viel Kirche braucht die Gemeinde?
Aber wie viel eigene Immobilie braucht eine Gemeinde? Schließlich haben auch schon einige EmK-Gemeinden ihre Kirchengebäude aufgegeben und sich in Ladenlokale oder bei anderen Kirchen eingemietet. In Minden etwa trifft sich die EmK im Haus der Landeskirchlichen Gemeinschaft und feiert regelmäßig mit dieser Gemeinde Gottesdienst. Die Kreuzkirche in Mönchengladbach-Rheydt ist seit 2012 ein alevitisches Gebetshaus; die EmK-Gemeinde ist im Bezirk Rheinland aufgegangen.
Für Alfred Schwarzwälder ist die örtliche Situation entscheidend. Ist ein eigenes Gebäude eine Last? Ist es zu groß, zu teuer, renovierungsbedürftig? Dann könne auch mieten eine Lösung sein. Aber die Herrenberger hätten auch die Erfahrung des »zu Gast Seins« gemacht, weil sie während der Bauzeit in der katholischen Kirche Gottesdienste gefeiert haben. »Es war auch anstrengend, sich nicht nach eigenen Vorstellungen einrichten zu können und wir sind froh, dass wir jetzt wieder im eigenen Gebäude sind«, sagte der Pastor.

»Der Glaube sucht sich Formen – auch im Gebäude«
Ein sakrales Gebäude hält er aber für unabdingbar – nicht als Voraussetzung, sondern als Folge des Glaubens.
Letztlich suche sich der Glaube Formen und Gestalten, die sich auch im Gebäude ausdrücken. Ein Beispiel sei die Herrenberger Jugendkirche, die nach 30 Jahren aus einem Ladenlokal in die mittelalterliche Spitalkirche umziehe – ein Ort mit spiritueller Ausstrahlung.
»Viele Menschen suchen solche Orte – man schaue nur auf den großen Zulauf, den Klöster derzeit haben.« Auch für das neue Herrenberger Gotteshaus, das ein recht sachlicher Bau ist und nicht sofort als Kirche zu erkennen, hat Schwarzwälder noch Ideen – etwa einen Platz, wo man Kerzen anzünden kann.
Für die künstlerische Ausstattung der Christuskirche hat sich Schwarzwälder mit dem Tübinger Künstler Martin Burchard intensiv auseinandergesetzt.
Letztlich ist eine Gesamtlösung entstanden, bei der die verschiedenen Kunstwerke miteinander in Beziehung stehen: Der an der Stele vor der Kirche dargestellte Weg von Kreuzigung zu Auferstehung setzt sich im Innenraum mit den Wandfiguren hinter dem Abendmahlstisch fort.Herrenberg_001
Diese bewusste Gestaltung sei wichtig, sagt Schwarzwälder. »Die Gemeinde spiegelt sich im Gebäude wider. Wenn es zum Beispiel unaufgeräumt ist, dann zeigt das auch etwas vom Gemeindeleben.« Zwar sei Glaube etwas Praktisches, habe aber auch eine Schönheit. »Und die Schönheit des Glaubens sollte sich im Gebäude der Gemeinde widerspiegeln.« Die Gemeinde präge zwar das Gebäude, auf Dauer präge das Gebäude aber auch die Gemeinde.
Aus der alten Herrenberger Kirche ist übrigens ein Kleinkunsttheater mit Restaurant geworden – eine stimmige Nutzung, wie Schwarzwälder sagt. Und die EmK ist nicht ganz draußen: Gelegentlich treffen sich dort Gemeinde-Mitarbeiter zu Besprechungen. /kie

www.emk-herrenberg.de

Ins Gewissen reden

Seit Monaten immer wieder die gleichen Bilder: Ein siegesgewisser griechischer Regierungschef auf der einen, ernste bis drohende Gesichter von Angela Merkel & Co. auf der anderen Seite. Angesichts des fortwährenden Dramas um die Schulden Griechenlands könnte man meinen, Europas Politiker seien Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigt. Tatsächlich aber gibt es viele andere Themen, die aber im medialen Dauerfeuer untergehen: Wettbewerbsfragen, Umwelt- und Verbraucherschutz, Verkehr, Wirtschaftsverhandlungen – Europas Staatschefs haben viel zu tun. Die Bilderflut blendet aber auch aus, dass in Griechenland inzwischen viele Menschen existenziell unter der Politik leiden. Armut ist in die Mittelschicht vorgedrungen, immer mehr können ihre Mieten nicht mehr bezahlen und drohen auf der Straße zu landen. Viele Kinder haben kaum zu essen. Das Gesundheitssystem liegt am Boden, wer krank ist, hat ohne viel Geld schlechte Karten. Ein Mitglied der Europäischen Union wird vor unseren Augen zum Entwicklungsland.
Anstatt diese Nöte in den Blick zu nehmen, schauen die internationalen Geldgeber ausschließlich auf »die Märkte«. Alles wird an möglichen Reaktionen der Börsen ausgerichtet, Kursveränderungen im Promillebereich sorgen für gewaltige Unruhe.
Diese Politik sorgt weltweit dafür, dass die Reichen immer reicher werden – während die Armut zunimmt. Das ist nicht zukunftsfähig, weil es den sozialen Frieden gefährdet. Denn es wird der Tag kommen, an dem sich die Armen dieser Erde auflehnen.
Deshalb müssen wir alle unseren Politikern ins Gewissen reden: Politik ist nicht nur für Vermögende da, sondern für alle Menschen. /kie
PS: Angela Merkels Terminkalender ist hier zu finden:
http://goo.gl/rrKGT2

Mission erfüllt?!

Der Reigen der Jährlichen Konferenzen der EmK in Deutschland ist vorüber – Zeit, ein Fazit zu ziehen. Doch wie könnte das aussehen?
Die Herausforderungen und Situationen in den drei Konferenzgebieten sind ähnlich – und doch unterschiedlich. So geht es im Norden und im Osten an vielen Stellen darum, Ausgaben zurückzufahren, um den Haushalt auszugleichen. Im Süden gibt es andere Schwerpunkte – auch wenn angesichts sinkender Gliederzahl Einschnitte abzusehen sind. In allen Konferenzen geht es letztlich auch darum, ob und wie wir als Kirche zukunftsfähig sind.
Dabei stehen wir immer in der Gefahr, uns eher mit uns selbst zu beschäftigen als mit unserem Auftrag als Kirche. Stellen, Strukturen und Formalien drohen zu sehr in den Vordergrund zu treten. Und das, obwohl wir es längst besser wissen: Gebraucht werden wir nur, wenn wir für andere da sind. Wenn wir bei ihnen sind. Wenn wir uns für sie reinhängen. Nur so sind wir als Christen, als Kirche relevant.
Deshalb muss unsere erste Frage immer lauten: Was brauchen die Menschen um uns herum? Erst dann kommen die Fragen nach dem besten Weg und den Mitteln, die wir dazu brauchen. Dabei könnte sich herausstellen, dass unsere bestehenden Angebote und Strukturen nicht mehr passen. Und dass genau darin eine Chance liegen kann.
In ihrem Bericht haben die Superintendenten der SJK dazu ermutigt, nicht jede geschlossene oder verkaufte Kirche als Versagen zu verstehen, sondern als den christlichen Weg von Tod und Auferstehung.
Können wir dem folgen oder verschließen wir uns?

Volker Kiemle

»Ohne die EmK würde dem Kirchentag etwas fehlen«

WoitheRund 20 Helferinnen und Helfer haben beim Kirchentag in Stuttgart dafür gesorgt, dass die Besucher am Stand der EmK Brücken bauen konnten – und zwar ganz konkret aus Holzlatten, aber auch im persönlichen Gespräch. Über seine Erfahrungen konnte ich mit Projektleiter Jürgen Woithe sprechen.

Was war Ihr Highlight am EmK-Stand?
Jürgen Woithe: Das Highlight sind für mich immer Gespräche mit Menschen, die unsere Kirche nicht kennen und sich informieren wollen. Außerdem kamen viele, die uns schon vor zwei Jahren in Hamburg gesehen haben und den Stand so toll fanden.

Gibt es etwas, das Sie in zwei Jahren ganz anders machen würden?
Jürgen Woithe: Wir machen das ja schon ein paar Jahre und überlegen jedes Mal, was wir besser machen können. Klar ist, dass es wieder etwas mit einer Aktion sein muss.
Wir hatten ja vor zwei Jahren ein 3D-Bodenbild, auf dem sich die Leute fotografieren lassen konnten, und hier in Stuttgart konnten die Leute eine Brücke aus kleinen Holzlatten bauen. Wichtig ist, dass Menschen gemeinsam etwas machen können.

Was steht im Vordergrund des EmK-Auftritts bei einem Kirchentag?
Jürgen Woithe: In erster Linie wollen wir mit Leuten ins Gespräch kommen, was das Brückenbauen mit EmK zu tun hat und so ihr Interesse für unsere Kirche zu wecken.

Was würde dem Kirchentag ohne EmK-Beteiligung fehlen?
Jürgen Woithe: Ich finde es wichtig, dass beim Kirchentag alles, was mit evangelischer Kirche zu tun hat, präsent ist. Wenn wir nicht da wären, würde dieser Teil des Protestantismus fehlen. Das fände ich sehr schade – vor allem bei diesem Kirchentagsthema!

Volker Kiemle

Die EmK und der Kirchentag

Auch die Evangelisch-methodistische Kirche, Werke und Einzelpersonen  aus der EmK sind beim Kirchentag aktiv. Wir haben für Sie hier eine Übersicht zusammengestellt.

Falls Sie in der Programmdatenbank des Kirchentags suchen wolle: Dort finden Sie die Veranstaltungen mit EmK-Beteiligung unter dem Stichwort “Ev.-meth. Kirche”.

Aktuelle Eindrücke und News finden Sie auch auf dem Twitter-Kanal der EmK und auf der Homepage.

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Inspire: Herzen berühren

24InspireVor ungefähr zwei Jahren traf sich ein kleines Team von Visionären, um gemeinsam zu träumen und zu beten, wie Gott sie auf dem Chemnitzer Brühl zum Segen setzen könnte. Daraus ist »Inspire« entstanden. Das sind acht Personen aus verschiedenen Kirchen, die eine Vision für den Stadtteil Brühl in Chemnitz haben. Jetzt ist auch das Fernsehen aufmerksam geworden.

Zum ersten Mal öffentlich wurde „Inspire” im Juli vergangenen Jahres: Eine Gruppe von Jugendlichen aus der irischen methodistischen Kirche verbrachte eine Woche in Chemnitz und machte bei verschiedenen Aktionen auf dem Brühl mit. Sie halfen, ein Straßenfest für die Nachbarschaft zu veranstalten sowie den Brühl zu verschonern, indem sie einige Blumen pflanzten. An den Abenden gab es auf dem Boulevard Live-Musik und ein Straßencafe mit dem “EmK-mobil“. “Die irische Woche öffnete uns viele Türen, so dass wir in guten Kontakt mit unseren Nachbarn gekommen sind, von denen wir einige jetzt zu unseren Freunden zahlen können“, sagt Pastor Barry Sloan.

Einen Monat bekam der Verein “Inspire“ die Schlüssel zu den eigenen Raumen . direkt am Brühlboulevard! “Wir hatten über ein Jahr gebetet und mit der Stadtverwaltung verhandelt“, sagt Sloan. „Umso mehr freuten wir uns, dass unsere Gebete endlich beantwortet wurden. Wir konnten zu einem reduzierten Preis mieten, hatten dafür aber alle Renovierungen und Modernisierungen selbst in die Hand zu nehmen.“ Die nächsten sechs Monate verbrachte das Team fast jede freie Stunde damit, die Raume schick zu machen.

Bevor die Wiederbelebung des Brühls im Fokus stand, übten sie bereits an alten Möbelstücken und hauchten ihnen neues Leben ein. So entstanden Tische aus alten Nahmaschinen, Sofas und ein Tresen aus alten Holzpaletten. “Wir retteten alte Stühle vor der Müllhalde und sanierten sie mit neuen Polstern in einem trendigen Shabby Chic Look“, erzählt Sloan. Gebetserhörung erlebte die Gruppe, als einige Fachkräfte an Bord kamen, um zu helfen, eine Küche einzubauen, einige elektrische Umrüstungen zu tätigen sowie 100 Quadratmeter Fliesen legten – und dabei nur die Materialkosten in Rechnung stellten.

Neues Leben weitertragen Am 17. Januar wurde “Inspire“ eingeweiht. Mehr als 100 Personen kamen zur Eröffnung, was für eine gute Atmosphäre sorgte. Dabei wurde auch die Vision vorgestellt, die im Namen und Motto der Initiative schon steckt: “Mit Gottes Hilfe inspirieren wir Menschen, berühren ihre Herzen und motivieren sie, sich an der Belebung des Brühls zu beteiligen“, sagt Sloan. “Wir wollen helfen, dass ein gutes Miteinander der Nachbarn entsteht, selber gute Nachbarn und ein Segen für andere sein . sozial, geistlich, ganzheitlich.“ Die Gruppe ist nach wie vor dabei, hinzuhören und zu entdecken, wo und wie sie behilflich sein kann. In Zusammenarbeit mit Partnern gibt es schon einige Angebote: Englischkurs für Senioren, offener Kindertreff, Soul Sunday Bring & Share Frühstück, informelle Gottesdienste auf Englisch, Music Monday Akustik Café, Kreativ- und Handarbeitstreff, Nachbarschaftstreff mit Migranten / Asylbewerbern und Whiskey-Verkostungen (vierteljährlich).

Die monatlichen Kosten werden derzeit durch Spenden von Freunden sowie regelmäßigen Spenden aller Teammitglieder abgedeckt. Zudem hat die Stadt Chemnitz, die an einer Belebung des Bruhl interessiert ist, 4.000 Euro zum Start beigesteuert. Die Einnahmen aus den Englischkursen für Senioren und ein Teil der Gewinne aus dem Verkauf des Buches “Pilgern auf Irisch“ helfen zusätzlich bei der Finanzierung.

Weil Barry Sloan das Projekt beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart vorstellt, ist auch die Stuttgarter Filmemacherin Susanne Bausch auf “Inspire“ aufmerksam geworden. Mit einem Filmteam hat sie das Projekt fünf Tage lang besucht. In ihrem Film stellt sie drei Projekte von Christen vor, die auf die Herausforderungen an ihrem Ort reagiert und Neues gewagt haben.
Volker Kiemle

TV-Tipp:

1. Juni, 23.30 Uhr, ARD: … damit wir klug werden. Evangelische Gemeinden verändern sich. Ein Film von Susanne Bausch.

»Wahrnehmen, was da ist«

Superintendent Stephan RingeisVom 27. bis 31. Mai tagte die Ostdeutsche Jährliche Konferenz in Plauen unter dem Thema »Wegen Inventur geöffnet«. Dabei hatte ich Gelegenheit, mit dem Zwickauer Superintendent Stephan Ringeis über das Konferenzthema und seinen Bericht an die OJK zu reden. Er rät zu einem wertschätzenden Blick auf die Gemeindewirklichkeit – und dazu, die richtigen Fragen zu stellen.

Während allenthalben über den Schwierigkeiten geklagt wird, haben Sie in Ihrem Bericht an die OJK viele Mut machende Beispiele aus Gemeinden genannt. Wie waren da die Reaktionen?
Stephan Ringeis: Mich haben einige Leute angesprochen. Sie haben sehr positiv wahrgenommen, dass in vielen kleinen und auch größeren Gemeinden sehr erfreuliche Dinge geschehen. Die Menschen suchen neue Wege, bringen diakonische Projekte voran und stellen sich anderen Lebensformen.

Ist diesen Gemeinden auch bewusst, dass sie solche besonderen Pfunde haben?
Stephan Ringeis: Das ist unterschiedlich. Ein Großteil der Gemeinden weiß das und nimmt wahr, dass etwas gelungen ist und sie gesegnet sind. Es gibt aber auch Gemeinden, die das nicht wahrnehmen, was Gutes bei Ihnen geschieht. So berichte ich von mehreren Gemeinden, sich einer Gemeindeberatung unterzogen haben. Die haben sich gegenseitig gesagt, was sie an den anderen schätzen – das sorgt für Aha-Erlebnisse. Man sieht eher das, was fehlt, als das, was da ist.

Sie reden auch von den »falschen Fragen«, die wir uns in den Gemeinden oft stellen. Was wären richtige Fragen?
Stephan Ringeis: Wir sollten danach fragen, was uns bis jetzt im Glauben gestärkt hat und was Menschen erreicht hat – auch außerhalb der Kirche. Dabei geht es nicht um Größe, die kleinen Dinge sind oft die Samenkörner dessen, was wachsen kann. Das sollte man pflegen und nicht nach den Sternen greifen und meint, es müsste immer etwas ganz Großes geschehen.

Wie kann diese Pflege gelingen?
Stephan Ringeis: Indem man Inventur macht und dankbar auf das schaut, was da ist. So, wie Paulus,der seinen Brief an die Phlipper mit dem Dank für die Gemeinde beginnt und dann auch dafür betet, dass das weiter wächst. Wir haben immer etwas, und daraus kann etwas werden.

On the road …

In den nächsten Wochen macht die »unterwegs«-Redaktion ihrem Namen alle Ehre: Über Pfingsten findet in Volkenroda das Bundesjugendtreffen der EmK-Jugend statt. Ab 27. Mai tagt in Plauen die Ostdeutsche Jährliche Konferenz (OJK) und in der Woche danach startet der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart. Nach einer kurzen Verschnaufpause (die eigentlich keine ist, denn die »unterwegs«-Produktion läuft ja weiter) beginnt am 17. Juni in Fürth die Tagung der Süddeutschen Jährlichen Konferenz (SJK). Exklusiv zum Gemeindesonntag am 21. Juni wir wieder eine »unterwegs«-Sonderausgabe erscheinen, die während der Tagung produziert wird.

Natürlich werden wir hier, auf Twitter, auf Facebook und auf der Internetseite der EmK laufend über die Tagungen und Veranstaltungen berichten. Also immer schön dranbleiben.

Volker Kiemle

Der Rassismus und die EmK

HawkinBei der Tagung des Bischofsrats der weltweiten EmK hatte ich auch Gelegenheit, mit Erin Hawkins ein Interview über Rassismus in der EmK zu reden. Erin ist Generalsekretärin der »General Commission on Religion and Race«, einer von 13 international tätigen Kommissionen der EmK.

Welche Art von Rassismus gibt es in der EmK?
Erin Hawkins: Wir denken zu wenig darüber nach, was um uns herum in der Gesellschaft geschieht, der wir dienen sollen. Das macht es schwierig, Menschen zu erreichen, die unter Rassismus leiden. Damit kommen wir der Verantwortung, die wir für die Gesellschaft haben, nicht nach. Denn noch immer warten viele Menschen darauf, dass die Kirche sich deutlich gegen Rassismus, gegen Benachteiligung von Flüchtlingen oder zur Not in benachteiligten Städten äußert. Es ist Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu allen Menschen zu bringen!

In jüngster Zeit wurden in den USA einige unbewaffnete schwarze Jugendliche von der Polizei erschossen. Ende April kam es in Baltimore deswegen zu gewalttägigen Unruhen. Was bedeutet das für die EmK?
Erin Hawkins: Es gibt derzeit eine breite Protestbewegung, weil sich die Afro-amerikanische Gemeinschaft von Polizei und Justiz drangsaliert fühlt. Die erschossenen Jugendlichen sind da nur die Spitze des alltäglichen Rassismus. Einzelne EmK-Gemeinden unterstützen die friedlichen Protest vor Ort – durch Gebete und Verpflegung, durch Räume für Treffen. Klar ist: Wir müssen unsere Justiz erneuern, damit junge Afro-Amerikaner eine Perspektive für ihr Leben bekommen! Denn die Angst gegenüber dem Staat ist groß und wird dadurch genährt, dass die kaum ein Polizist, der einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen hat, zur Rechenschaft gezogen wird.

Ist dieser Rassismus ein neues Phänomen?
Erin Hawkins: Afro-Amerikaner wurden schon immer von der Polizei unfairer behandelt. Aber der Rassismus war eher unter der Oberfläche. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama kommt er mehr und mehr zum Vorschein – obwohl die dachten, dass gerade diese Wahl ein Zeichen für schwindenden Rassismus sei. Aber das Gegenteil ist der Fall: Afro-Amerikaner werden für das gleiche Vergehen meist härter bestraft als Weiße, sie sitzen häufiger im Gefängnis und werden von der Polizei häufiger ohne Grund kontrolliert. Das facht den Zorn natürlich an!

Dann ist es doch eigentlich gut, dass der Rassismus jetzt öffentlich wird …
Erin Hawkins: Beides: Natürlich ist die Diskriminierung von Afro-Amerikanern genauso schrecklich wie die Unruhen, die es es immer wieder gibt. Auf der anderen Seite können Medien und Politik jetzt nicht mehr so tun, als gäbe es Rassismus nicht und als wären die Schwarzen selbst schuld. das Unrecht ist einfach zu offensichtlich!

Was kann die EmK als multiethnische Kirche weltweit gegen Rassismus tun?
Erin Hawkins: Vor Ort kann die EmK unterschiedliche Menschen willkommen heißen, sie zusammenbringen und mit ihnen die Liebe Christi teilen. Sie kann geschützte Räume zur Verfügung stellen, wo über Diskriminierung, aber auch über die Angst vor Fremden geredet werden kann. Unsere Gemeinden können darüber hinaus ein Beispiel sein für gelingendes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Kultur. Gott hat uns alle geschaffen, und zwar gut – so heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Wenn wir das nicht in unseren Gemeinden leben, wie können wir dann erwarten, dass wir die Welt verändern? Wir müssen Beispiel sein!

Der gerechte Lohn: Interview mit Diakonie-Chef Andreas Cramer

Viele Menschen können auch hierzulande kaum von dem leben, was sie verdienen – trotz eines Vollzeitjobs. Aber wonach bemisst sich eigentlich ein gerechter Lohn? Und wer ist dafür verantwortlich, ihn zu bezahlen? Volker Kiemle hat darüber mit Andreas Cramer, dem Direktor des Diakoniewerks Martha-Maria gesprochen.

Herr Cramer, was bestimmt den Wert der Arbeit aus Sicht eines Cramer_Andreas_2011Diakonie-Chefs?
Andreas Cramer: Nicht in erster Linie das Geld – und damit bin ich in guter Gesellschaft: Umfragen zeigen, dass für die allermeisten Menschen der Lohn nicht an erster Stelle steht, wenn es um die Zufriedenheit am Arbeitsplatz geht. Vielmehr ist das Allerwichtigste, dass die Arbeit sinnvoll ist. Weiter wichtig sind Wertschätzung, Gestaltungsmöglichkeiten, Humor und ein funktionierendes Team. Dann erst kommt der Lohn. In der Diakonie können wir genau das bieten: eine sinnvolle Arbeit mit und für Menschen, die wertgeschätzt wird und wo es auf gute Zusammenarbeit ankommt.

Wie bringt Martha-Maria den Mitarbeitern Wertschätzung entgegen?
Andreas Cramer: Die Mitarbeitenden sind das Wertvollste, das wir haben! Ich bin der Meinung, dass eine gute Arbeitsatmosphäre – dazu gehören die genannten Punkte, auch wenn man nie alles perfekt gestalten kann – heilende Wirkung haben kann. Ich kenne viele Mitarbeitende, die bei der Arbeit richtig aufgebaut werden. Positiver Stress bei der Arbeit kann auch aufbauen, sogar für den Umgang mit manchmal persönlichen Fragen und Sorgen.

Was ist ein gerechter Lohn?
Andreas Cramer: Das ist eine schwierige Frage. Zunächst gilt: Der Lohn muss auskömmlich sein. Es muss möglich sein, vom Einkommen eines Pflegemitarbeitenden eine Familie zu ernähren. Da gibt es eine Spannung, weil soziale Berufe in Deutschland eher mäßig bezahlt werden; vor allem die pflegenden Berufe werden nicht angemessen bezahlt. Das ist ungerecht. Auf der anderen Seite hat das Diakoniewerk Martha-Maria von 2011 bis 2015 die tariflichen Gehälter jedes Jahr im Schnitt um rund vier Prozent erhöht. Das sind 20 Prozent in fünf Jahren. Trotzdem sind wir noch nicht dort, wo pflegende Berufe sein sollten.

Warum ist das so?
Andreas Cramer: Die Ursache liegt bei den Kostenträgern und hier insbesondere bei den Kassen bzw. den Sozialhilfeträgern. Die Erlöse bei den Entgeltverhandlungen ziehen mit der Lohn- und Kostenentwicklung nicht mit. Deshalb geht die Schere weiter auseinander.

Was kann die Diakonie politisch tun?
Andreas Cramer: Die Diakonie, zum Beispiel das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung, macht eine gute Lobbyarbeit für die Anliegen der Diakonie und damit für die Anliegen der Pflege- und Hilfebedürftigen. Es gibt sehr viele Kontakte zu Politikern, Kassen und Verbänden. Naturgemäß ist die lautstarke öffentliche Kritik an bestimmten politischen Vorgaben eher verhalten. Deshalb wird diese Lobbyarbeit öffentlich nicht immer so wahrgenommen.

Was hat diese Lobbyarbeit erreicht?
Andreas Cramer: Zum Beispiel haben seit Januar 2015 im Bereich der Altenhilfe alle Bewohner Anspruch auf zusätzliche Betreuungskräfte. Somit werden zahlreiche weitere Angebote wie etwa Musizieren, gesellige Abende, kreatives Gestalten, intensive Betreuung und Begleitung für Demente ermöglicht. Auch Ausflüge sind bei Bewohnerinnen und Bewohnern sehr beliebt. Das Wohngruppenmodell wird dadurch sehr unterstützt.

Trotzdem ist immer wieder von Missständen in den Pflegeheimen die Rede. Warum?
Andreas Cramer: Wenn man so intensiv rund um die Uhr über Jahre Menschen pflegt, dann entsteht eine Art Lebensgemeinschaft auf Zeit zwischen Pflegern, zu Pflegenden und den Angehörigen. Da passieren auch Fehler. Und genau diese Fehler werden dann an die Presse getragen und hochgepuscht. Darüber geht verloren, dass zum allergrößten Teil Zufriedenheit und Dankbarkeit herrschen. Über das, was gut läuft, wird nicht berichtet.

Zurück zum gerechten Lohn: Wie kann dieser bestimmt werden?
Andreas Cramer: In der Diakonie haben wir ja den »dritten Weg«: Die Arbeitsrechtliche Kommission, die aus Vertretern des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer besteht, setzt den Lohn entsprechend der tariflichen Einordnung fest. Die Kommission verhandelt jedes Jahr über Lohnerhöhungen. Natürlich müssen die sich an den Entgelten orientieren, und die werden zwischen den diakonischen Einrichtungen und den Kostenträgern verhandelt.
Die Kostenträger müssten mehr für die Pflege zur Verfügung stellen, allerdings würden damit die Beiträge steigen. Deshalb müssen wir auch darüber reden, dass und wie mehr Steuermittel ins Gesundheitssystem fließen können, um damit auch die Finanzierung der Pflege zu verbessern.

Da ist die ganze Gesellschaft gefordert. Was würden Sie sich wünschen?
Andreas Cramer: Ich wünsche mir, dass Pflege in der Öffentlichkeit eine neue Wertschätzung erhält und sich das auch in Geld ausdrückt. Es geht ja nicht um riesige Summen für den einzelnen Mitarbeitenden, sondern um ein paar hundert Euro im Monat mehr. Das müssten uns die Pflegenden einfach wert sein!

Foto: Diakoniewerk Martha-Maria