Baut Windmühlen!

229 – so viele »unterwegs«-Ausgaben durfte ich in den vergangenen neun Jahren für Sie, liebe Leserinnen und Leser.  produzieren. Dankbar blicke ich auf diese Zeit zurück, auf viele bereichernde Begegnungen, auf spannende Entwicklungen und Herausforderungen in unserer Kirche und darüber hinaus. Die Zeitschriftenarbeit der EmK einige Jahre gestalten zu können, das hat mir große Freude gemacht und ich hoffe, dass etwas von dieser Freude sichtbar geworden ist in Ihrem »unterwegs«. Danke für die vielen Rückmeldungen, mit denen Sie unsere Arbeit begleitet haben!
Veränderungen gehören zum Leben, auch wenn wir sie oft als bedrohend empfinden. Nur die Veränderung kann mir zeigen, ob mein Weg der Richtige ist für mich. Man muss nicht so weit gehen wie der TV-Pfarrer Heiko Bräuning, der in einem mehrwöchigen Experiment sein eigenes Sterben bis zur Beerdigung durchgespielt hat. Er wollte herausfinden, was ihm wichtig ist – und hat als Konsequent seinen Pfarrerberuf an den Nagel gehängt.
Aber klar ist: Wer sich auf Veränderung einlässt, spürt die Energie und die schöpferische Kraft, die in ihr liegt. »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen«, so heißt ein chinesisches Sprichwort. Ich wünsche uns allen, dass wir mehr Windmühlen bauen!

Ihr Volker Kiemle

Weg von den Denkbarrieren!

Februar: Ich habe eine Woche Urlaub. Ich bleibe lang im Bett, lasse nach dem Frühstück ewig die Schlafklamotten an und gammle ein bisschen durch den Tag. Die BibelAndacht lasse ich ein gutes Buch sein und auch beim Gebet sage ich mir: »Nö, ich hab Urlaub.« Ich geh am Schreibtisch vorbei und blättere meinen Aufstellkalender um. Und was steht da: Urlaub ist die beste Zeit um Gott zu begegnen. »Gott hat Humor«, denke ich und ziehe mich um für einen Gebetsspaziergang.
Seither ist mir dieser Satz im Gedächtnis geblieben: Urlaub ist die beste Zeit um Gott zu begegnen. Und wirklich: Ich lese am Strand ein gutes Buch, der Mann auf dem Handtuch neben mir spricht mich darauf an, und wir reden eine gute Stunde leidenschaftlich über unseren Glauben. Beim Bergwandern erkenne ich in den Bildern der Natur Gottes Handschrift und bin tief beschenkt und inspiriert.
Auf dem Campingplatz werde ich von den Nachbarn zum Barbecue eingeladen, und wir reden bis tief in die Nacht – trotz Sprachbarriere – über Schicksalsschläge und Glaubenszweifel. Ausgerechnet auf Mallorca fotografiere ich dieses inspirierende Bauwerk, das auf dem Bild zu sehen ist. Ich setze mich davor und lasse meine Gedanken fliegen. Was ich da sehe, scheint mir ein Sinnbild zu sein für das, was Jesus vermitteln wollte: Unser Gottesbild und unsere Glaubenspraxis gehören regelmäßig auf den Kopf gestellt.
Ich habe Denkbarrieren in meinem Kopf. Die habe ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet, als Kind hatte ich die nicht; Denkbarrieren aufgrund meiner Herkunft, meiner Erziehung, meinen Lebenserfahrungen und aufgrund meiner Interessen. Meine Denkbegrenzungen gehen Hand in Hand mit meinen Interessen. »Monika first« – Ich will haben.
Ich will dürfen. Ich will mein Recht. Und das bestimmt mein Denken. So funktioniert auch die Welt: Sie hat ihre Interessen, und die bestimmen, was möglich ist. Und letztlich wird auch die Religion immer wieder in den Dienst unterschiedlichster Interessen gestellt:
Bequemlichkeit, Macht, Geld, Angst, Status.
Ich sehe diese Kirche auf dem Kopf und denke an die Bergpredigt. Jesus hat die geltende Interessenlage völlig ins Gegenteil verkehrt. Jesus konnte Glauben denken ohne eigene Interessen – weil er Gott nahe war wie kein anderer. Und er hat zu seinen Freunden gesagt: »Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge:
Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein« (Matthäus 17,20). Ich denke, das ist eine Metapher: Es geht nicht darum, Felsbrocken durch die Luft zu schleudern – es geht um den sprichwörtlichen Glauben, der Berge versetzt, der etwas bewegt, der alles verändert.
Denkbarrieren abbauen bedeutet, meine Interessen loszulassen. Und erst, wenn wir die loslassen, kriegen wir Bewegung in unsere Phantasie. Tja, meine Interessen loslassen – hört sich irgendwie nach Verlieren an. Ja, ein bisschen schon. Es heißt in gewisser Weise, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
Wir Anhänger von Jesus von Nazareth sind aufgefordert, die Kirche auf den Kopf zu stellen. Man muss den Kopf über uns schütteln, sonst machen wir was falsch. Methodist, das war ein Spottname – in England hat man den Kopf über diesen Verein geschüttelt – weil die Methodisten Denkbarrieren abgebaut und Interessen losgelassen haben.
Über Reformer wird man sich immer ärgern. Und über Methodisten sollte man immer den Kopf schütteln.
Jesus hat mit der Bergpredigt und mit seinem ganzen Leben die Welt auf den Kopf gestellt. Wir sollten’s ihm nachmachen. Die Kirche auf den Kopf stellen und draufklopfen, so dass alles Alte aus den Hosentaschen fliegt – Übrig soll die Liebe bleiben und die Phantasie, wie man diese Liebe unter die Menschen bringen kann.       Monika Brenner

Glücklich zu preisen sind die, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Matthäus 5,3Titel für Beitrag eingeben

 

Foto: Monika Brenner

Sterbehilfe und die göttliche Freiheit

Dürfen Christen Sterbehilfe leisten? Um diese und andere Themen ging es beim »Forum sozialdiakonische Ethik« der EmK in Nürnberg. Unter dem Titel »Hilfe beim Sterben – Hilfe zum Sterben « erhielten die Teilnehmer praktische und konkrete Ratschläge. Dafür sorgten fünf Fachreferenten, die am Vormittag jeweils einen kurzen Vortrag hielten und am Nachmittag in einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort standen.

Rund 50 Interessierte trafen sich mit den Mitgliedern des Forums und den Referenten und erlebten, dass die Vorträge zu einem so ernsten Thema auch sehr launig sein können und dass die Zuhörer auch miteinander lachen konnten.
Heike Linder, Palliativ-Fachkraft aus Stuttgart, eröffnete den Reigen. Sie machte deutlich, dass das Erleben einer Situation als so unerträglich, dass man nicht mehr weiterleben möchte, von jedem einzelnen Menschen sehr unter-Foto: UMNS schiedlich erfolgt. Dies schilderte sie eindrücklich an drei Beispielen.
Jürgen M. Bauer, Professor für Geriatrie in Heidelberg, nahm in seinem Referat die Beispiele auf und machte unter anderem deutlich, dass eine verantwortungsvolle Medizin sinnlose Therapien im Alter unbedingt vermeiden sollte.
Thomas Gutmann, Professor für Medizinrecht aus Münster, konnte ebenfalls an den genannten Beispielen vielen Zuhörern unter anderem die Sorge nehmen, dass sie, nur weil sie den Patientenwunsch erfüllen, bereits mit einem Bein im Gefängnis stehen.
Der Nürnberger Psychologe Frank Erbguth erläuterte den Begriff Hirntod und konnte der Zuhörerschaft sehr deutlich klar machen, dass ein Mensch ohne Hirnfunktion wirklich tot ist. Das größere Problem dabei seien meist die Angehörigen, die dies nicht akzeptieren wollten. Pastorin Birgit Fahnert, leitende Seelsorgerin in Berlin, konnte das in ihrem Fachreferat bestätigen und wies darauf hin, dass die Angehörigen viel Zeit brauchen, um den eintretenden Tod zu begreifen und anzunehmen.
Im theologischen Referat von Lothar Elsner, dem Theologischen Geschäftsführer der Bethanien Diakonissen-Stiftung, wurde deutlich, dass das Gebot »Du sollst nicht töten« für Christen uneingeschränkt gilt. Dennoch darf jeder Mensch es mit sich und seinem Gott alleine ausmachen, ob er das ihm von Gott geschenkte Leben lebt oder es beendet.
Die von Norbert Böhringer, Mitglied des Forums, geleitete Podiumsdiskussion, bei der zuerst Fragen des Publikums beantwortet wurden, war sehr lebhaft und zeigte noch einmal deutlich, wie gut sich die Referenten aufeinander eingestellt hatten und wie abgerundet die gesamte Thematik dargestellt wurde.
Als Fazit konnte jeder Besucher u.a. mitnehmen: Der Patientenwille steht an erster Stelle, darum ist es ganz wichtig, diesen frühzeitig zu formulieren. Außerdem ist es sehr wichtig, mehr über den Tod zu reden, besonders auch mit nahen Angehörigen.

Wilfried Röcker

Ein Schatz an starken Bildern

GiesekusDer 23. Psalm gehört zu den bekanntesten Texten überhaupt. Auch Menschen, die sonst kaum etwas mit der Bibel zu tun haben, kennen zumindest den Anfang. Was genau uns im Psalm 23 anspricht und warum, darüber hat Volker Kiemle mit dem Psychologen Ulrich Giesekus gesprochen.

Herr Giesekus, warum spricht Psalm 23 so viele Menschen an?
ULRICH GIESEKUS: Aus verschiedenen Gründen. Menschen aus dem christlichen und jüdischen Kulturkreis wissen, dass David, der diesen Psalm geschrieben hat, selbst Hirte gewesen ist. Christen sehen Jesus selbst als den guten Hirten. So ist dieser Psalm mit den Kernfiguren des Glaubens direkt verbunden. Aber es gibt noch andere Dimensionen, die über den christlichen Glauben hinausgehen: Der Psalm ist ein Feuerwerk an Bildern – der gute Hirte, der gute Wirt, das Tal des Todes, frisches Wasser. Der Psalm steht so stellvertretend für alles, was wir brauchen – und gleichzeitig für alles, was uns bedroht.
Oft wird der Psalm in Krisenzeiten gebetet.

Welche Schlüsselworte und Bilder sprechen Menschen in solchen Situationen besonders an?
ULRICH GIESEKUS: Die Spannung zwischen dem »Tal des Todes« und dem »keinen Mangel haben«, das sind die Pole, die dieser Psalm zusammenbringt – und die viele Menschen in Krisen eben nicht mehr zusammenbringen: dass es im Tal des Todes eine Geborgenheit, eine Sicherheit geben kann. Stecken und Stab, zwei weitere Bilder, sind Stütze und Waffe zugleich. Auch das Psalmende – »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen« – zeigt ja: Das Gute ist nicht immer da, aber mir immer dicht auf den Fersen. Dieses Spannungsfeld – ich verstehe Gott nicht, er ist mir fern – und gleichzeitig die Gewissheit, dass er immer da ist, das ist in Krisen wichtig: Weder soll die Krise verharmlost werden, noch verschwinden die Güte und Barmherzigkeit Gottes.

Welche psychischen Prozesse sorgen dafür, dass dieser Psalm tröstet?
ULRICH GIESEKUS: Wir wissen aus der modernen Hirnforschung, dass alles, was mit Bildern zu tun hat, unmittelbar auf die Gefühlswelt wirkt. Hirnregionen, die durch Bilder angesprochen werden, wecken sehr viel stärkere Gefühle als andere Regionen. Auch deshalb arbeiten moderne Therapeuten und Berater sehr viel mit Bildern und Geschichten: Der Einfluss von Bildern auf die automatisierten Denkprozesse – das Unbewusste – ist viel stärker als rein verbaler Zuspruch. Im Übrigen verwenden auch viele Therapeuten, die nicht gläubig sind, die Bibel als einen unglaublich reichen Schatz an starken Bildern, die seit Tausenden von Jahren Menschen beeinflusst haben.

Psalm 23 hilft also auch, wenn ich nicht an Gott glaube?
ULRICH GIESEKUS: Ja. Wobei dieser spezielle Psalm sehr auf die Gottesbeziehung hin ausgerichtet ist. Da ist es schwierig, sich ein anonymes Wesen vorzustellen, das mir zu essen und zu trinken gibt und mich mit Waffen verteidigt. Aber es gibt viele Bilder und Weisheitsliteratur in der Bibel, die bei Therapeuten sehr beliebt sind. Die Bilder sind einfach gut zu verstehen, und zwar für alle Altersgruppen.

In welchen Situationen können diese Bilder das Gegenteil auslösen?
ULRICH GIESEKUS: Es gibt natürlich Menschen, die in ihrer Lebensgeschichte religiöse Verletzungen erfahren haben, die quasi mit solchen Psalmen »meuchelnd überbibelt« wurden. Vielleicht ging es ihnen schlecht, und der Psalm wurde dazu benutzt, ihnen mangelndes Gottvertrauen vorzuwerfen und ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ich als Kind etwa den Psalm 23 auswendig lernen musste, ohne einen Bezug dazu zu haben, dann habe ich daran eher unangenehme Erinnerungen. Und dennoch zeigt die Erfahrung, dass auswendig gelernte Bibeltexte in späteren Krisensituationen sehr hilfreich sein können.

In welcher Krise wäre der Psalm 23 ein billiger Trost?
ULRICH GIESEKUS: Ich würde das nicht von der Qualität der Krise abhängig machen, sondern von der Beziehung zu der Person, die in der Krise ist. Sind wir in einer Beziehung, in der wir zusammen beten und zusammen weinen können, dann kann man mit dem Psalm nichts falsch machen. Benutze ich aber den Psalm als Bonbon des Trostes, obwohl der Betroffene ein dreigängiges Menü – also viel Zeit – braucht, dann wird das nicht funktionieren. Es kommt auf die Beziehung an.

Warum können Worte überhaupt trösten? An der Situation ändern sie ja zunächst nichts …
ULRICH GIESEKUS: Worte lassen Bilder im Kopf entstehen. Und diese Bilder wirken direkt auf unsere Gefühlswelt.

Wann hat die moderne Psychotherapie die Macht der Bilder entdeckt?
ULRICH GIESEKUS: Durch Forschung und Erfahrung; zudem werden durch die Internationalisierung der Psychotherapie auch orientalische Traditionen aufgegriffen, in denen das Geschichtenerzählen ganz wichtig ist. In der westlich geprägten Psychotherapie hat sich das Arbeiten mit Geschichten durchgesetzt unter dem eher missverständlichen Begriff »Hypnotherapie«, die mit der gängigen Vorstellung von Hypnose aber nichts zu tun hat. Es geht darum, dass Menschen durch Geschichten in einen entspannten Zustand gelangen, wo sie ihre Probleme nicht rein vom Kopf her bewerten.

Wenn die Psychotherapie auf Geschichten setzt – wo bleibt dann die Analyse psychischer Probleme?
ULRICH GIESEKUS: Die klassische Psychoanalyse ist in der heutigen Psychotherapie eine kleine Nische.Aber auch dort wird mit Träumen gearbeitet. Und Träume sind ja letztlich Bilder der Seele, die helfen können, zu einem tieferen Verständnis der eigenen inneren Konflikte zu kommen. Die heutigen Psychotherapeuten arbeiten mit einem Werkzeugkasten unterschiedlicher Methoden. Und dazu gehört in der Regel eine Verbindung von bildhaften Prozessen – man kann etwa die Familie mit Playmobil-Figuren aufstellen, man kann Farben oder Musik einsetzen – und ist nicht nur »im Kopf«, sondern auch bei den Gefühlen des Ratsuchenden.

Welches Erlebnis verbinden sie besonders mit Psalm 23?
ULRICH GIESEKUS: Ich bin Musiker, und es gibt eine wunderschöne Vertonung von Keith Green »The Lord is my shepherd«. Der Refrain »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang« hat mir in schwierigen Zeiten sehr viel Trost und Zuversicht gegeben: Egal, wie es gerade aussieht – das ist nicht das Ende und Gott hat dich nicht fallen gelassen.

 

Ulrich Giesekus ist Leiter von »BeratungenPlus« in Freudenstadt und Professor für Psychologie und Counseling an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Der promovierte Psychologe ist Autor zahlreicher Bücher und Vortragsredner.
www.beratungenplus.de

Die Ostererfahrung der Heimatlosen

7Wanderer

Wir sind Zeugen einer Völkerwanderung, die auch unsere Gemeinden und unsere Kirche verändert. Damit leben wir das Zeugnis von Ostern, sagt George Miller – weil Migranten als »Osterleute« uns daran erinnern, auf welches Ziel wir hinleben.

Wir Migranten und Migrantinnen sind Osterleute, die Exodus und Leben im Exil noch richtig kennen. Und die es leben – müssen. Ob wir die Heimat freiwillig verlassen haben oder zwangsweise unterwegs waren und jetzt hier sind: Wir alle haben manches hinter uns. Jetzt sind wir Fremde in einem fremden Land.
Wir bringen jede Menge Erfahrungen mit. Manche von uns spüren am eigenen Leib, was das heißt: Tod, Zerstörung, Verfolgung, Armut, Entbehrung, Diskriminierung.
Also all diese Begriffe, an die die Welt sich fast schon zu gewöhnen scheint. Und die Liste wird immer länger. Mut brauchen wir alle, um aufzubrechen und Vertrautes und sicheres Terrain hinter uns zu lassen. Vom »gelobten Land« sind wir so ziemlich alle gefühlt und faktisch noch weit entfernt. Was aber macht uns Wanderer dann zu Ostermenschen?
In einem EmK-Seniorenkreis war kürzlich das Thema: »Gibt es Osterhasen in Nigeria?« Hinter dem etwas humorvollen Titel verbargen sich fundamentale Fragen nach dem Inhalt unseres Osterglaubens – nicht nur aus einheimischer Perspektive, sondern auch mit der Erfahrung unserer heutigen Migrantenwelt, in der Leute kommen und gehen – mal aus eigenem Antrieb, mal weil es nicht anders geht.

Auferstehung miteinander begreifen
Was bringen diese Einwanderer und Durchreisenden uns also an Glaubenserfahrung, dass wir alle miteinander Auferstehung neu begreifen könnten? Immer wieder sind es Bibelworte des Trostes und der Zusagen Gottes, die die Menschen tragen im Ringen, Kämpfen und den ganz alltäglichen Unsicherheiten. Hebräer 6 gehört dazu: »So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken – denn es ist unmöglich, dass Gott mit ihnen lügt –, einen starken Trost haben, die wir unsre Zuflucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung. Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele, der hinreicht in das Innere hinter dem Vorhang« (Hebräer 6, 18–19).
Manchen Menschen ist diese Zusage alles, was ihnen geblieben ist: Gott wird uns segnen, und wir werden dadurch dann auch anderen zum Segen werden. In das Allerheiligste hinter den Vorhang dürfen wir treten und zu unserem neuen Hohepriester vorstoßen. Inmitten von Heimatsuche und Wanderschaft sind wir schon Bundespartner und Kinder von Gottes Zusage, dass wir irgendwann frei sind von all dem, was Gottes Schöpfung zerstören will.

Zuversichtlich unterwegs
Das ist die Auferstehungshoffnung für die Osterfremden:
Dass Leute unterwegs zuversichtlich auf die Kraft und Verlässlichkeit dieses Gottes setzen – und das im Angesicht all des Negativen, des Verlusts und der Entbehrung.
Wenn der Gott von Ostern alles Schaffen und alles Werden unter seiner Kontrolle hat, dann ist das Ergebnis letztendlich immer Auferstehung und neues Leben.
Und so leben wir unseren Ruf als Wandernde. Unser Auftrag: uns auszustrecken nach der Lebenswirklichkeit »auf der anderen Seite des Kreuzes«. Machen wir uns nichts vor: Die Umsetzung dieses Auftrags erinnert oft mehr an schwierige Geburtswehen als an einen Spaziergang im Park. Aber dann wenden sich Verlust und Entbehrung in den Sieg über den Tod. Jetzt sind wir im Exil, dann sind wir daheim.
Diese momentane Zeit des Exils beschreibt der Theologe Walter Brüggemann als einen »harten und riskanten Verhandlungsprozess«. Migranten und Migrantinnen wissen, was das heißt. Wir sind wahre Meister, wenn es darum geht, im richtigen Leben immer neu verhandeln zu müssen. Als Christ brauchen Migranten einen starken Glauben, um sich inmitten des »ganz normalen Lebens« auf die andere Seite des Kreuzes auszustrecken und die Alternative schon jetzt zu leben.
Es kann bedeuten, in der einen oder anderen Situation keine Kompromisse einzugehen und stattdessen für Gerechtigkeit und Frieden aufzustehen – auch wenn es riskant ist. Das ist Osterglaube für die Fremden in einem fremden Land. Manchmal ist es ein schlichtes Nein, sich an die gegebenen Konventionen, Kultur oder Gesellschaft anzupassen, wenn das, was hier gefordert wird, mit dem Leben des Hohepriesters Christus nichts mehr zu tun hat.

Die Chancen der Wanderschaft
Aber die Wanderschaft bietet auch gewaltige Chancen für das Pfingstwunder der Osterleute. Dies geschieht immer, wenn Migranten und Migrantinnen plötzlich Teil einer gut eingerichteten einheimischen Gemeinde werden, wenn alle sich aufmachen müssen und das Gewohnte auf allen Seiten wieder frischen Wind und neues Leben spürt.
In den frühen Jahren der Kirche war das normal:
Eine Bewegung von Leuten, die unterwegs waren, lebte aus der Hoffnung und dem Zeugnis von der anderen Seite des Kreuzes. Das volle Verständnis des Mysteriums von Ostern – das war den Leuten damals wie uns heute klar – wird es erst an dem Tag geben, an dem alle Menschen nach Hause gekommen sind in Gottes Zukunft. Bis dahin sind wir unterwegs als Osterfremde in einem fremden Land und machen Erfahrungen von Passion und Ostern – manchmal beides zugleich: Auferstehungsglaube eben zwischen all diesen Zeiten.

»Jetzt ist Babylon, nicht Jerusalem«
Dieser Glaube wächst nicht automatisch oder aus purer Vernunft heraus. Der Anspruch ist hoch und fordert Menschen überall, ihre Komfortzonen aufzugeben. Migranten und Migrantinnen geben nur den Auftakt und das Thema für uns alle. Es geht nicht, den guten alten Zeiten, der verlorenen Heimat und reinen Kultur nachzuhängen und darüber vor lauter Bewahrungsmentalität die Mission zu vergessen – jetzt ist Babylon und nicht Jerusalem.
Als Osterfremde geben wir den Irrglauben auf, dass wir ohne Anderes und Neues in diesem Land das Innerste des Heiligtums auch nur ansatzweise erreichen könnten. Wir erkennen als Osterbegeisterte, dass wir als Kirche per se ein Ort der Zuflucht und Heimat für Fremde schon sind und werden und immer gewesen sind, dass Beziehungen hier nur auf gleicher Ebene gelebt werden können, Vielfalt als Reichtum geschätzt, Innovation und bahnbrechende Neuerungen willkommen sind und zum Konzept dazugehören und dass Lernen von und die Ermächtigung der Anderen einfach dazugehören. Wenn wir als Osterfremde in einem neuen Land unterwegs sind, gibt es keine Gastgeberchristen oder Migrantenchristen mehr, keine Rede von »zu laut« und »zu kalt« und »zu anders«, »zu chaotisch« oder zu »steif«, und aus den geschlossenen Vereinen wird eine Bewegung hin auf die andere Seite des Kreuzes.
Nicht zuletzt sind wir Methodisten. Und eines der Kennzeichen der Methodisten ist, dass wir unseren Glauben heraussingen. Unser Glaubensgesang handelt von der Befreiung von der langen Nacht der Ungerechtigkeit, Befreiung von dem Dunkel aller Karfreitage.
Noch sind die Dinge nicht so, wie sie einmal sein sollen, aber eines Tages wird Ostern ein Zustand, der einfach bleibt.
Und so strecken wir uns aus zur anderen Seite des Kreuzes und laden andere ein, mit uns zu singen, immer weiter – von unser aller Oster-Migranten-Geschichte.

George Miller
ist Koordinator für die Migranten- und Internationalen EmK-Gemeinden in Deutschland.

Über die in Ostafrikas drohende Hungersnot berichtete Missionssekretär Frank Aichele den Mitgliedern der Zentralkonferenz. Dort sind wegen der seit mehreren Jahren anhaltenden Dürre mehr als sechs Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Die Zentralkonferenz hat die EmK-Gemeinden deshalb zu Spenden aufgerufen und ist mit gutem Beispiel vorangegangen: Eine spontane Sammlung ergab 1.650 Euro.

Hier können auch Sie spenden.

Die reine Lust am Feiern

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Roger Wassmuth / Foto: Carolin Merkel

Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen.

Seit Kindertagen, erinnert sich Roger Wassmuth aus Saarbrücken, liebt er das bunte Fastnachtstreiben.
Spätestens zur Straßenfastnacht machte er sich schon als Kind auf den Weg, um in meist selbstgemachten Kostümen beim Fastnachtsumzug in der Saarbrücker Innenstadt mitzufeiern. In seiner Familie, erzählt er, sei das nicht überall auf Gegenliebe gestoßen.
Doch er hat sich diese Lust am Feiern in der närrischen Jahreszeit bis heute nicht nehmen lassen. »Für mich gab es nie einen Spagat zwischen meinem Glauben und der Fastnacht«, betont der aktive Methodist.
Während Wassmuths Mutter katholisch ist, bekam er vom Vater den methodistischen Glauben in die Wiege gelegt – und hat, wie er betont, bis heute keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, sich gegen die EmK zu entscheiden, auch wenn dort das Feiern von Fastnacht nicht von allen gerne gesehen wird. In seiner Jugend, sagt er, musste er schon manchmal einiges richtig stellen, »aber angefeindet worden bin ich wegen meines Glaubens nie«.
Wassmuth steht, das zeigt ein Gespräch mit ihm, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ist authentisch, lässt sich die Fastnacht nicht verbieten. »Ich kann für mich keine Stelle in der Bibel finden, in der die Fastnacht verboten würde«, sagt er. Die Bibel ist ein treuer Begleiter des 55 Jahre alten Ingenieurs, Arbeitgeber von zehn Mitarbeitern. Im Jahr 1992 hat Wassmuth den Laienpredigerdienst in Saarbrücken übernommen und predigt dort alle 14 Tage. »Die Vorbereitung darauf gibt mir sehr viel«, sagt er. »Wenn ich mich mit kirchlichen Texten beschäftige, bli-Die reine Lust am Feiern Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen. »Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt, das den Kopf wieder frei macht.«

So, wie er bei den Bibelstudien einen anderen Blick auf sich und seine Umgebung wirft, so ist es sich auch bei seiner ehrenamtlichen Arbeit als Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft Ri-Ra-Rutsch in Schwalbach-Griesborn. Schon früh hat er die Sitzungen besucht, half seit 2003 im Vorstand und hat schließlich den Vorsitz des Vereins übernommen. Und er ist stolz, Präsident von 250 Mitgliedern, darunter 150 Kinder und Jugendliche zu sein. Die Arbeit beschränke sich längst nicht auf die Zeit zwischen Saisoneröffnung und Aschermittwoch. Vielmehr fordert der Verein das ganze Jahr über den Vorsitzenden, im vergangenen Jahr war die KG Ri-Ra-Rutsch mit 17 Veranstaltungen aktiv. »Klar, in den Wochen vor Fastnacht häuft es sich, neben unserer Sitzung sind wir auf Veranstaltungen befreundeter Vereine mit dabei, dazu kommen die Umzüge«, sagt er.
Dann, wenn es erst gegen vier Uhr früh ins Bett geht, verrät er, lässt er am Sonntagmorgen auch mal den Gottesdienst ausfallen.
Aktuell ist er wieder mit seinen Vereinskollegen als »Karl« unterwegs, auch allein hat er schon oft die Bütt gerockt.
Ein Spagat zwischen Glauben und Karneval sieht er allenfalls zeitlicher Art.
»Denn neben Karneval und Kirche wartet auch ein anstrengender Berufsalltag als Selbstständiger auf mich«, sagt Wassmuth. »Doch noch fühle ich mich fit, all das zu stemmen.« Carolin Merkel

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Trump als Chance für die EmK?

Ein Kommentar von Volker Kiemle

Die Welt schaut ungläubig nach Amerika. Schon in der ersten Amtswoche hat der neue US-Präsident eine Reihe Dekrete erlassen, die die Welt grundlegend verändert haben: Er hat Handelsverträge gekündigt, Bürger zahlreicher Nahost-Staaten mit einem Einreiseverbot belegt und den Bau einer Mauer zu Mexiko angeordnet. Er hat die EU beschimpft, renommierte Journalisten als Lügner bezeichnet und Kritiker per Twitter  diskrediert. Weder im Wahlkampf noch nach seiner Amtseinführung zeigt Donald Trump die Souveränität, hat, die man vom Inhaber dieses Amtes erwarten darf.
Auch viele Glieder der US-amerikanischen EmK sind verunsichert. Denn Trump stellt bisher für selbstverständlich erachtete demokratische und kulturelle Errungenschaften offen in Frage: Pressefreiheit, Anerkennung staatlicher Institutionen wie Geheimdienste, Gerichte und Ministerien, Schutz von Minderheiten, Freizügigkeit und sogar die den US-Bürgern heilige Meinungsfreiheit. Das ist so erschreckend, dass die EmK in den USA für den Abend der Amtseinführung am 20. Januar ihre Glieder dazu aufgerufen hat, sich in Hauskreisen zu versammeln und über ihre gemeinsame Basis zu reden: Der Glaube an einen Gott und das wesleyanische Erbe. In den Gesprächen sollten die Herausforderungen für die Gemeinden und die ganze Nation thematisiert werden, die Trumps Präsidentschaft mit sich bringen wird.
Diesen Aufruf kann man deuten als Appell zum Zusammenrücken angesichts einer unheimlichen, nicht einzuschätzenden Bedrohung. Und vielleicht ist genau das die Chance für eine neue Einheit in der EmK. Denn spätestens bei der Generalkonferenz im vergangenen Mai ist deutlich geworden, wie tief gespalten die Kirche in der Frage der Homosexualität ist. Der Riss, der durch die US-amerikanische EmK geht, bedroht inzwischen auch die weltweite EmK so sehr, dass für 2019 eine außerordentliche Generalkonferenz nur zu diesem Thema anberaumt ist. Abgesehen von den tiefen Verletzungen kostet diese Debatte Kraft und Geld – Ressourcen, die für die Lösung wirklich dringender Probleme wie wachsende soziale Ungleichheit, Armut, Kriege, Flüchtlingswellen, Klimawandel und Krankheiten gebraucht werden. Und wer weiß: Vielleicht muss sich die EmK bald deutlich für den Schutz von Homosexuellen in den USA einsetzen.

Das große Ziel kommt noch

Neu anfangen gehört zum Leben – und zum Christentum: Die Bibel ist voll von Menschen, die sich mit Gott auf den Weg machen. Was wir daraus lernen können, erzählen die Theologen Jörg Barthel und Roland Gebauer im Gespräch mit Volker Kiemle.

Viele Geschichten der Bibel handeln vom Unterwegssein und von Aufbrüchen. Welche Grundmuster lassen sich in diesen Erzählungen erkennen?

Barthel: Es gibt die großen Aufbrüche – den Auszug aus Ägypten, Abrahams Auszug aus seiner Heimat, Israels Rückkehr aus dem Exil – und die kleinen Aufbrüche: biografische Aufbrüche oder auch Feste der Erinnerung und des Neuanfangs. Dabei geht es zum einen immer darum, sich von etwas zu trennen. Das kann auch heißen, von etwas befreit zu werden – etwa aus der Knechtschaft. Zum anderen hat man ein Ziel vor Augen und macht sich auf zu diesem Ziel. Das ist bei Abraham so oder auch beim Auszug aus Ägypten: Das Ziel ist der Impuls, aufzubrechen.

Was sagt diese Betonung des Unterwegsseins über das Wesen des Christentums aus?

Barthel: Israels Geschichte im Alten Testament ist ja ein ständiges Auf und Ab – mal hat man das Land, mal verliert man es wieder. Man erreicht die Ruhe und verliert sie wieder. Das große Ziel steht immer vor Augen, es gibt aber immer wieder Wegänderungen. Unterwegssein und Ankommen sind keine Gegensätze. Vielmehr setzt jedes Ankommen ein neues Unterwegssein voraus.

Gebauer: Unterwegssein gehört zum Christentum, weil Gott mit uns und mit seiner Welt unterwegs ist und dieses große Ziel noch aussteht. Dazu gehört dieser Impuls von außen, aufzubrechen – selbst Jesus bekam ihn, als er getauft wurde. Das war für ihn der Startschuss für den Aufbruch in die öffentliche Wirksamkeit. Die Jünger werden herausgerufen aus ihrem Alltag, das Pfingstwunder ist ein Impuls von außen. Wobei der Impuls auch eine innere Wahrnehmung sein kann. Aber es ist Gott, der hier eingreift und auf sein Ziel hin ausrichtet.

Was ist das Ziel?

Gebauer: Ich denke da etwa an die Verheißung der himmlischen Ruhe, von der der Hebräerbrief spricht (Hebräer 4,1–11). Das Unterwegssein zu dieser Ruhe, von dem auch Augustin redet – »Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir« – ist eine Grundstruktur des Christseins.

Barthel: Im Hebräerbrief heißt es ja auch: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebräer 13,14). Das heißt, wir bleiben unterwegs. Es gibt so etwas wie eine grundlegende Fremdheit des Christen in der Welt, auch wenn er in dieser Welt zuhause ist.

Wann ist ein Christ »fertig« – oder im methodistischen Sinne »heilig«?

Gebauer: Fertig ist er nie! Unterwegssein heißt, mit Gott und zu Gott unterwegs zu sein. Natürlich kann ich an gewisse Abschnitte einen Haken dranmachen und sagen: Teilziel erreicht. Das ist wie in einer Ehe, die ja auch nie fertig ist, sondern jeden Tag neu gelebt werden will. Es gibt Phasen, wo man richtig genießen kann, es gibt aber auch Zeiten, wo man gefordert ist. So ist es im Unterwegssein mit Gott auch. Wenn ich mich in meinem Unterwegssein von Gott getragen fühle und immer neu bereit bin, seinem Ruf zu folgen: Das würde ich heilig nennen.

Heilig ist also kein Punkt …

Barthel: … sondern ein Prozess. Deshalb spricht der Methodismus von Heiligung – in der Endung »ung« steckt das Prozesshafte schon drin. Das Wachsen und Reifen im menschlichen Leben und im Glauben durchläuft verschiedene Phasen. Ein Angekommensein, eine Vollkommenheit im Sinne von »Ich bin jetzt fertig« gibt es aber meiner Meinung nach nicht. Für mich ist das Wort Vollkommenheit nur sinnvoll, wenn man es im Sinne von Ganzheitlichkeit versteht. Das bedeutet, dass ich reife zu dem, was ich bin beziehungsweise was Gott in mir sieht. Die Bibel spricht hier von Wachstum im Glauben.

Gebauer: Vielleicht kann man es auf den Begriff der Liebe zuspitzen: Ich weiß mich bedingungslos von Gott geliebt und ich liebe ihn mit meinem ganzen Lebensvollzug – für mich persönlich und mit anderen zusammen für die Welt. Das wäre Heiligung – nicht Heiligkeit.

»Ach, ich bin des Treibens müde«, heißt es in Goethes »Wandrers Nachtlied«. Wann darf ich als Christ auch mal des »heiligen Treibens« müde sein?

Gebauer: Es gibt tatsächlich Phasen, in denen ich mich müde fühle und nicht mehr weiter kann oder will. Das gehört letztlich auch zu einer ganzheitlichen Beziehung – auch zur Beziehung mit Gott. Gott hat ja auch das Wohl meiner Seele im Blick; ich darf mich auch ausruhen. Jesus hat es ja auch getan. Es ist die Herausforderung, beides, Ruhen und Treiben, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Das dürfen wir lernen, und wir sollten da viel gelassener sein!

Barthel: So sagt ja auch Psalm 23: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt zum frischen Wasser.« Das ist ein Psalm des Unterwegsseins, in dem das Verweilen in der Oase eingeschlossen ist. Wenn das Heilige zum Betrieb wird – in dem Wort steckt ja das »Treiben« –, dann wird es problematisch. Die Menschen in unseren Gottesdiensten sehnen sich danach, an diese stillen Oasen zu kommen, um wieder Kraft für ihren Alltag zu gewinnen. Die Erfahrung des Heiligen ist ganz wesentlich eine des Zur-Ruhe-Kommens, der Gelassenheit.

Aber nur Konsumieren geht doch auch nicht, oder?

Barthel: Die Balance ist wichtig. Ein Gottesdienst kann wie die Rast bei einer Wanderung sein: Ich unterbreche die Wanderung, gleichzeitig stärke ich mich für die nächste Etappe, auf die ich mich dann auch wieder freuen kann.

Gebauer: Ein Beispiel aus der Bibel ist der Prophet Eli-
ja: Während einer Wanderung durch die Wüste war er wirklich am Ende. Da wurde er bei einer Rast von Gott an Leib und Seele gestärkt, bis hin zu einer ganz neuen Begegnung mit Gott (1.Könige 19,1–15). Das heißt doch: Gott geht sehr auf unsere Bedürfnisse ein und baut uns auf!

Wie bricht man als Christ richtig auf?

Barthel: Aufhören ist wichtig, und zwar im doppelten
Sinn: Ich lasse etwas, wenn ich erkenne, dass ich an bestimmte Dinge gefesselt bin – schlechte Gewohnheiten, Besitz oder ähnliches. Der erste Schritt wäre, in mich zu gehen und zu überlegen, was mich davon abhält, so zu leben, wie ich es eigentlich will. Gleichzeitig steckt im Aufhören auch das Hören auf etwas anderes. Das heißt, ich lasse mich inspirieren von einem Ziel, einem Lebensentwurf, der mich reizt, etwas Neues zu tun. Das ist dann kein Zwang zur Veränderung, sondern ein Ziel, zu dem ich hinmöchte.

Viele Menschen setzen sich ja am Jahreswechsel solche Ziele. Warum funktioniert das häufig nicht?

Barthel: Wahrscheinlich deshalb, weil man es versäumt, tief genug zu fragen, was das Alte ist, das man abwerfen muss an Lasten. Wenn ich nicht wirklich bereit bin, diese Lasten abzuwerfen, dann verpufft der Aufbruch sehr schnell.

Sich messbare Ziele zu setzen und die Etappen zu planen, das ist ja auch eine Methode aus der Arbeitswelt. Wie viel von diesem Projektdenken tut dem eigenen Leben gut?

Barthel: Indem ich diese Art, mein Leben zu betrachten, auf die Bereiche beschränke, wo es sinnvoll ist. Wenn ich mein Büro zu organisieren habe, dann ist Effizienz sinnvoll. Wenn ich aber daneben nicht die andere Dimension in meinem Leben habe, die sich nicht quantifizieren und organisieren lässt, dann bin ich schnell überfordert und ausgebrannt. Für mich gehören zu dieser anderen Dimension zum Beispiel auch die Naturerfahrung oder die Kunst.

Gebauer: Wenn wir ausschließlich berechnend und planmäßig vorgehen, dann werden wir dem nicht gerecht, was Beziehung ausmacht. Beziehung ist ja nicht die Gestaltung eines Weges anhand einer Berechnung, sondern eine Herzensangelegenheit – das gilt auch für die Beziehung mit Gott. Wenn ich auf diesem Weg einen starken inneren Drang fühle, etwas zu verändern, dann ist es Zeit, neue Schritte zu tun – möglicherweise auch ohne die einzelnen Etappen zu kennen. Dabei ist der Prozess vielleicht schon das Ganze.

Der Weg ist also das Ziel?

Gebauer: Der Sinn unserer Existenz als Geschöpfe Gottes ist, mit ihm unterwegs zu sein. Da ist der Weg das Ziel. Wenn man aber Gottes ganze Geschichte mit uns Menschen ansieht, dann sind wir unterwegs zu der neuen Welt Gottes, in der die Verhältnisse ganz anders sein werden – wo die Zeit in die Ewigkeit, das eine große und letzte Ziel, überführt wird.