Die reine Lust am Feiern

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Roger Wassmuth / Foto: Carolin Merkel

Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen.

Seit Kindertagen, erinnert sich Roger Wassmuth aus Saarbrücken, liebt er das bunte Fastnachtstreiben.
Spätestens zur Straßenfastnacht machte er sich schon als Kind auf den Weg, um in meist selbstgemachten Kostümen beim Fastnachtsumzug in der Saarbrücker Innenstadt mitzufeiern. In seiner Familie, erzählt er, sei das nicht überall auf Gegenliebe gestoßen.
Doch er hat sich diese Lust am Feiern in der närrischen Jahreszeit bis heute nicht nehmen lassen. »Für mich gab es nie einen Spagat zwischen meinem Glauben und der Fastnacht«, betont der aktive Methodist.
Während Wassmuths Mutter katholisch ist, bekam er vom Vater den methodistischen Glauben in die Wiege gelegt – und hat, wie er betont, bis heute keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, sich gegen die EmK zu entscheiden, auch wenn dort das Feiern von Fastnacht nicht von allen gerne gesehen wird. In seiner Jugend, sagt er, musste er schon manchmal einiges richtig stellen, »aber angefeindet worden bin ich wegen meines Glaubens nie«.
Wassmuth steht, das zeigt ein Gespräch mit ihm, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ist authentisch, lässt sich die Fastnacht nicht verbieten. »Ich kann für mich keine Stelle in der Bibel finden, in der die Fastnacht verboten würde«, sagt er. Die Bibel ist ein treuer Begleiter des 55 Jahre alten Ingenieurs, Arbeitgeber von zehn Mitarbeitern. Im Jahr 1992 hat Wassmuth den Laienpredigerdienst in Saarbrücken übernommen und predigt dort alle 14 Tage. »Die Vorbereitung darauf gibt mir sehr viel«, sagt er. »Wenn ich mich mit kirchlichen Texten beschäftige, bli-Die reine Lust am Feiern Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen.
cke ich über den Tellerrand. Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt, das den Kopf wieder frei macht.« So, wie er bei den Bibelstudien einen anderen Blick auf sich und seine Umgebung wirft, so ist es sich auch bei seiner ehrenamtlichen Arbeit als Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft Ri-Ra-Rutsch in Schwalbach-Griesborn. Schon früh hat er die Sitzungen besucht, half seit 2003 im Vorstand und hat schließlich den Vorsitz des Vereins übernommen. Und er ist stolz, Präsident von 250 Mitgliedern, darunter 150 Kinder und Jugendliche zu sein. Die Arbeit beschränke sich längst nicht auf die Zeit zwischen Saisoneröffnung und Aschermittwoch. Vielmehr fordert der Verein das ganze Jahr über den Vorsitzenden, im vergangenen Jahr war die KG Ri-Ra-Rutsch mit 17 Veranstaltungen aktiv. »Klar, in den Wochen vor Fastnacht häuft es sich, neben unserer Sitzung sind wir auf Veranstaltungen befreundeter Vereine mit dabei, dazu kommen die Umzüge«, sagt er.
Dann, wenn es erst gegen vier Uhr früh ins Bett geht, verrät er, lässt er am Sonntagmorgen auch mal den Gottesdienst ausfallen.
Aktuell ist er wieder mit seinen Vereinskollegen als »Karl« unterwegs, auch allein hat er schon oft die Bütt gerockt.
Ein Spagat zwischen Glauben und Karneval sieht er allenfalls zeitlicher Art.
»Denn neben Karneval und Kirche wartet auch ein anstrengender Berufsalltag als Selbstständiger auf mich«, sagt Wassmuth. »Doch noch fühle ich mich fit, all das zu stemmen.« Carolin Merkel

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Trump als Chance für die EmK?

Ein Kommentar von Volker Kiemle

Die Welt schaut ungläubig nach Amerika. Schon in der ersten Amtswoche hat der neue US-Präsident eine Reihe Dekrete erlassen, die die Welt grundlegend verändert haben: Er hat Handelsverträge gekündigt, Bürger zahlreicher Nahost-Staaten mit einem Einreiseverbot belegt und den Bau einer Mauer zu Mexiko angeordnet. Er hat die EU beschimpft, renommierte Journalisten als Lügner bezeichnet und Kritiker per Twitter  diskrediert. Weder im Wahlkampf noch nach seiner Amtseinführung zeigt Donald Trump die Souveränität, hat, die man vom Inhaber dieses Amtes erwarten darf.
Auch viele Glieder der US-amerikanischen EmK sind verunsichert. Denn Trump stellt bisher für selbstverständlich erachtete demokratische und kulturelle Errungenschaften offen in Frage: Pressefreiheit, Anerkennung staatlicher Institutionen wie Geheimdienste, Gerichte und Ministerien, Schutz von Minderheiten, Freizügigkeit und sogar die den US-Bürgern heilige Meinungsfreiheit. Das ist so erschreckend, dass die EmK in den USA für den Abend der Amtseinführung am 20. Januar ihre Glieder dazu aufgerufen hat, sich in Hauskreisen zu versammeln und über ihre gemeinsame Basis zu reden: Der Glaube an einen Gott und das wesleyanische Erbe. In den Gesprächen sollten die Herausforderungen für die Gemeinden und die ganze Nation thematisiert werden, die Trumps Präsidentschaft mit sich bringen wird.
Diesen Aufruf kann man deuten als Appell zum Zusammenrücken angesichts einer unheimlichen, nicht einzuschätzenden Bedrohung. Und vielleicht ist genau das die Chance für eine neue Einheit in der EmK. Denn spätestens bei der Generalkonferenz im vergangenen Mai ist deutlich geworden, wie tief gespalten die Kirche in der Frage der Homosexualität ist. Der Riss, der durch die US-amerikanische EmK geht, bedroht inzwischen auch die weltweite EmK so sehr, dass für 2019 eine außerordentliche Generalkonferenz nur zu diesem Thema anberaumt ist. Abgesehen von den tiefen Verletzungen kostet diese Debatte Kraft und Geld – Ressourcen, die für die Lösung wirklich dringender Probleme wie wachsende soziale Ungleichheit, Armut, Kriege, Flüchtlingswellen, Klimawandel und Krankheiten gebraucht werden. Und wer weiß: Vielleicht muss sich die EmK bald deutlich für den Schutz von Homosexuellen in den USA einsetzen.

Das große Ziel kommt noch

Neu anfangen gehört zum Leben – und zum Christentum: Die Bibel ist voll von Menschen, die sich mit Gott auf den Weg machen. Was wir daraus lernen können, erzählen die Theologen Jörg Barthel und Roland Gebauer im Gespräch mit Volker Kiemle.

Viele Geschichten der Bibel handeln vom Unterwegssein und von Aufbrüchen. Welche Grundmuster lassen sich in diesen Erzählungen erkennen?

Barthel: Es gibt die großen Aufbrüche – den Auszug aus Ägypten, Abrahams Auszug aus seiner Heimat, Israels Rückkehr aus dem Exil – und die kleinen Aufbrüche: biografische Aufbrüche oder auch Feste der Erinnerung und des Neuanfangs. Dabei geht es zum einen immer darum, sich von etwas zu trennen. Das kann auch heißen, von etwas befreit zu werden – etwa aus der Knechtschaft. Zum anderen hat man ein Ziel vor Augen und macht sich auf zu diesem Ziel. Das ist bei Abraham so oder auch beim Auszug aus Ägypten: Das Ziel ist der Impuls, aufzubrechen.

Was sagt diese Betonung des Unterwegsseins über das Wesen des Christentums aus?

Barthel: Israels Geschichte im Alten Testament ist ja ein ständiges Auf und Ab – mal hat man das Land, mal verliert man es wieder. Man erreicht die Ruhe und verliert sie wieder. Das große Ziel steht immer vor Augen, es gibt aber immer wieder Wegänderungen. Unterwegssein und Ankommen sind keine Gegensätze. Vielmehr setzt jedes Ankommen ein neues Unterwegssein voraus.

Gebauer: Unterwegssein gehört zum Christentum, weil Gott mit uns und mit seiner Welt unterwegs ist und dieses große Ziel noch aussteht. Dazu gehört dieser Impuls von außen, aufzubrechen – selbst Jesus bekam ihn, als er getauft wurde. Das war für ihn der Startschuss für den Aufbruch in die öffentliche Wirksamkeit. Die Jünger werden herausgerufen aus ihrem Alltag, das Pfingstwunder ist ein Impuls von außen. Wobei der Impuls auch eine innere Wahrnehmung sein kann. Aber es ist Gott, der hier eingreift und auf sein Ziel hin ausrichtet.

Was ist das Ziel?

Gebauer: Ich denke da etwa an die Verheißung der himmlischen Ruhe, von der der Hebräerbrief spricht (Hebräer 4,1–11). Das Unterwegssein zu dieser Ruhe, von dem auch Augustin redet – »Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir« – ist eine Grundstruktur des Christseins.

Barthel: Im Hebräerbrief heißt es ja auch: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebräer 13,14). Das heißt, wir bleiben unterwegs. Es gibt so etwas wie eine grundlegende Fremdheit des Christen in der Welt, auch wenn er in dieser Welt zuhause ist.

Wann ist ein Christ »fertig« – oder im methodistischen Sinne »heilig«?

Gebauer: Fertig ist er nie! Unterwegssein heißt, mit Gott und zu Gott unterwegs zu sein. Natürlich kann ich an gewisse Abschnitte einen Haken dranmachen und sagen: Teilziel erreicht. Das ist wie in einer Ehe, die ja auch nie fertig ist, sondern jeden Tag neu gelebt werden will. Es gibt Phasen, wo man richtig genießen kann, es gibt aber auch Zeiten, wo man gefordert ist. So ist es im Unterwegssein mit Gott auch. Wenn ich mich in meinem Unterwegssein von Gott getragen fühle und immer neu bereit bin, seinem Ruf zu folgen: Das würde ich heilig nennen.

Heilig ist also kein Punkt …

Barthel: … sondern ein Prozess. Deshalb spricht der Methodismus von Heiligung – in der Endung »ung« steckt das Prozesshafte schon drin. Das Wachsen und Reifen im menschlichen Leben und im Glauben durchläuft verschiedene Phasen. Ein Angekommensein, eine Vollkommenheit im Sinne von »Ich bin jetzt fertig« gibt es aber meiner Meinung nach nicht. Für mich ist das Wort Vollkommenheit nur sinnvoll, wenn man es im Sinne von Ganzheitlichkeit versteht. Das bedeutet, dass ich reife zu dem, was ich bin beziehungsweise was Gott in mir sieht. Die Bibel spricht hier von Wachstum im Glauben.

Gebauer: Vielleicht kann man es auf den Begriff der Liebe zuspitzen: Ich weiß mich bedingungslos von Gott geliebt und ich liebe ihn mit meinem ganzen Lebensvollzug – für mich persönlich und mit anderen zusammen für die Welt. Das wäre Heiligung – nicht Heiligkeit.

»Ach, ich bin des Treibens müde«, heißt es in Goethes »Wandrers Nachtlied«. Wann darf ich als Christ auch mal des »heiligen Treibens« müde sein?

Gebauer: Es gibt tatsächlich Phasen, in denen ich mich müde fühle und nicht mehr weiter kann oder will. Das gehört letztlich auch zu einer ganzheitlichen Beziehung – auch zur Beziehung mit Gott. Gott hat ja auch das Wohl meiner Seele im Blick; ich darf mich auch ausruhen. Jesus hat es ja auch getan. Es ist die Herausforderung, beides, Ruhen und Treiben, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Das dürfen wir lernen, und wir sollten da viel gelassener sein!

Barthel: So sagt ja auch Psalm 23: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt zum frischen Wasser.« Das ist ein Psalm des Unterwegsseins, in dem das Verweilen in der Oase eingeschlossen ist. Wenn das Heilige zum Betrieb wird – in dem Wort steckt ja das »Treiben« –, dann wird es problematisch. Die Menschen in unseren Gottesdiensten sehnen sich danach, an diese stillen Oasen zu kommen, um wieder Kraft für ihren Alltag zu gewinnen. Die Erfahrung des Heiligen ist ganz wesentlich eine des Zur-Ruhe-Kommens, der Gelassenheit.

Aber nur Konsumieren geht doch auch nicht, oder?

Barthel: Die Balance ist wichtig. Ein Gottesdienst kann wie die Rast bei einer Wanderung sein: Ich unterbreche die Wanderung, gleichzeitig stärke ich mich für die nächste Etappe, auf die ich mich dann auch wieder freuen kann.

Gebauer: Ein Beispiel aus der Bibel ist der Prophet Eli-
ja: Während einer Wanderung durch die Wüste war er wirklich am Ende. Da wurde er bei einer Rast von Gott an Leib und Seele gestärkt, bis hin zu einer ganz neuen Begegnung mit Gott (1.Könige 19,1–15). Das heißt doch: Gott geht sehr auf unsere Bedürfnisse ein und baut uns auf!

Wie bricht man als Christ richtig auf?

Barthel: Aufhören ist wichtig, und zwar im doppelten
Sinn: Ich lasse etwas, wenn ich erkenne, dass ich an bestimmte Dinge gefesselt bin – schlechte Gewohnheiten, Besitz oder ähnliches. Der erste Schritt wäre, in mich zu gehen und zu überlegen, was mich davon abhält, so zu leben, wie ich es eigentlich will. Gleichzeitig steckt im Aufhören auch das Hören auf etwas anderes. Das heißt, ich lasse mich inspirieren von einem Ziel, einem Lebensentwurf, der mich reizt, etwas Neues zu tun. Das ist dann kein Zwang zur Veränderung, sondern ein Ziel, zu dem ich hinmöchte.

Viele Menschen setzen sich ja am Jahreswechsel solche Ziele. Warum funktioniert das häufig nicht?

Barthel: Wahrscheinlich deshalb, weil man es versäumt, tief genug zu fragen, was das Alte ist, das man abwerfen muss an Lasten. Wenn ich nicht wirklich bereit bin, diese Lasten abzuwerfen, dann verpufft der Aufbruch sehr schnell.

Sich messbare Ziele zu setzen und die Etappen zu planen, das ist ja auch eine Methode aus der Arbeitswelt. Wie viel von diesem Projektdenken tut dem eigenen Leben gut?

Barthel: Indem ich diese Art, mein Leben zu betrachten, auf die Bereiche beschränke, wo es sinnvoll ist. Wenn ich mein Büro zu organisieren habe, dann ist Effizienz sinnvoll. Wenn ich aber daneben nicht die andere Dimension in meinem Leben habe, die sich nicht quantifizieren und organisieren lässt, dann bin ich schnell überfordert und ausgebrannt. Für mich gehören zu dieser anderen Dimension zum Beispiel auch die Naturerfahrung oder die Kunst.

Gebauer: Wenn wir ausschließlich berechnend und planmäßig vorgehen, dann werden wir dem nicht gerecht, was Beziehung ausmacht. Beziehung ist ja nicht die Gestaltung eines Weges anhand einer Berechnung, sondern eine Herzensangelegenheit – das gilt auch für die Beziehung mit Gott. Wenn ich auf diesem Weg einen starken inneren Drang fühle, etwas zu verändern, dann ist es Zeit, neue Schritte zu tun – möglicherweise auch ohne die einzelnen Etappen zu kennen. Dabei ist der Prozess vielleicht schon das Ganze.

Der Weg ist also das Ziel?

Gebauer: Der Sinn unserer Existenz als Geschöpfe Gottes ist, mit ihm unterwegs zu sein. Da ist der Weg das Ziel. Wenn man aber Gottes ganze Geschichte mit uns Menschen ansieht, dann sind wir unterwegs zu der neuen Welt Gottes, in der die Verhältnisse ganz anders sein werden – wo die Zeit in die Ewigkeit, das eine große und letzte Ziel, überführt wird.

Wachsam bleiben!

Deutschland ist sicherer geworden: Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Morde um 40 Prozent gesunken, in den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Vergewaltigungen um 20 Prozent abgenommen. Deutschland ist unsicherer geworden – zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen. Vor allem seit der letzten Silvesternacht in Köln geht das Gespenst um vom testosterongesteuerten Flüchtling, der nur nach Deutschland gekommen ist, um deutsche Frauen sexuell zu belästigen und zu vergewaltigen. Der Jugendliche, der in Freiburg eine junge Frau vergewaltigt und umgebracht hat, passt da genau ins Bild und liefert Munition für den – bisher verbalen – Kampf gegen »die« Flüchtlinge. Ist Deutschland durch Zuwanderer unsicherer geworden? Nach wie vor kommen mehr als drei Viertel der Vergewaltiger aus dem direkten Umfeld ihres Opfers. Viele Vergewaltigungen, gerade im familiären Umfeld, werden nicht angezeigt. Die Zahl der Straftaten ist im vergangenen Jahr zwar um vier Prozent auf 6,33 Millionen gestiegen. Dafür verantwortlich sind aber vor allem Verstöße gegen Asyl- und Aufenthaltsgesetze sowie Fahrausweisdelikte. Sprich: Wird ein Flüchtling am falschen Ort aufgegriffen, zählt er schon als krimineller Asylant. Pauschale Verurteilungen helfen nur jenen, die unsere Gesellschaft spalten wollen – gerne auch mit erfundenen Meldungen. Bleiben wir wachsam!

Volker Kiemle leitet die Zeitschriftenredaktion der EmK.

»Ich möchte den Glauben in eine neue Freiheit bringen«

Er hat die »Jesus Freaks« gegründet, ist als Prediger unterwegs und hat mit der »Volxbibel« eine Bibel in Jugendsprache vorgelegt. Dafür hat er viel Kritik einstecken müssen. Doch Martin Dreyer geht Streit nicht aus dem Weg. Auch sein neues Buch »Der vergessene Jesus« bietet Angriffspunkte. Im Gespräch mit Volker Kiemle erklärt er, warum ein falsches Jesus-Bild für leere Kirchen sorgt.

Herr Dreyer, warum haben Sie gerade jetzt ein Buch über Jesus veröffentlicht?13 : 18 Hochformat
Martin Dreyer: Ich wurde letztes Jahr zu Weihnachten gebeten, den Leitartikel für ein recht bekanntes politisches Magazin zu schreiben. In diesem Artikel habe ich Seiten von Jesus herausgestellt, die in dem Bewusstsein der meisten Menschen nicht vorhanden sind. Und das, obwohl sie in der Bibel vorkommen. Jesus, der bereits betrunkenen Partygästen noch mehr Alkohol besorgt. Jesus, der aggressiv mit einer Waffe in der Hand im Tempel die Tische der Händler umtritt. Jesus, der ein völlig neues Gebot des »Nicht-Sorgen-Dürfens« aufstellt, an das sich bis heute kaum ein Christ hält. Das Gütersloher Verlagshaus, welches zu Random House gehört, hat den Artikel gelesen und mich gefragt, ob ich aus dem Thema ein ganzes Buch machen könnte. Und das konnte ich.

Viele Autoren vor Ihnen haben schon einen »anderen Jesus« gezeichnet – »Jesus liebt mich« von David Safier, »Jesus Menschensohn« von Khalil Gibran oder die mehrbändige Jesus-Enzyklopädie von Papst Benedikt XVI. Nicht zu vergessen Franz Alt mit »Jesus, der erste neue Mann«. Was unterscheidet Ihr Buch von den anderen?
Martin Dreyer: David Safier macht sich ja eher lustig über Jesus. Papst Benedikt hat ein wahres theologisches Meisterwerk geschrieben, was aber kein normaler Mensch wirklich ganz versteht. Ich habe mich in dem Buch eines neuen Sprachstils bedient. Ich wollte mit kurzen, knalligen Sätzen ein Bild von Jesus zeichnen, das so keiner bis jetzt zu Papier gebracht hat. Jesus, der als erstes Wunder nach Johannes eine Party rettet. Und zwar mit 600 Litern Alkohol zu einem Zeitpunkt wo die Hälfte der Gäste schon im Vollrausch war. Das ist doch auch eine Aussage. Jesus scheint nichts gegen feiern, Partys und auch nichts gegen Alkoholgenuss zu haben. Zumindest so lange es nicht krankhaft und süchtig passiert. Das finde ich interessant.Warum ist das noch nicht bis in alle Kirchen durchgedrungen?

Für wen ist das Buch gedacht?
Martin Dreyer: Das Buch ist gedacht für Menschen, die schon irgendwie an den christlichen Gott glauben, aber ein schräges Gottesbild haben. Beim Schreiben kamen mir dabei Christen aller Konfessionen in den Sinn. Ich bin in den letzten 25 Jahren meines Dienstes in fast jede Konfession eingeladen worden und habe dabei eine Menge beobachten können. Überall erlebe ich ein verzerrtes, krampfiges und viel zu moralisches Christentum, ohne viel Freude. Aber bei Christus kann ich von all dem nicht viel entdecken.

Welche Reaktionen haben Sie schon bekommen?
Martin Dreyer: Viele schreiben, das Buch sei starker Tobak und sie müssten über die Thesen erst einmal nachdenken. Die Rezensionen wirken sehr verhalten und differenziert. Ich glaube, viele haben Angst davor, sich zu bestimmten Positionen öffentlich zu outen. Denn es könnte für sie persönlich negative Konsequenzen haben, zum Beispiel im Beruf.
Gerade was den Bereich Sexualität angeht. Dabei will ich ja keine neuen Dogmenlehre entwerfen. Ich möchte Menschen nur dabei helfen, ihren Glauben in eine neue Freiheit zu bringen. Und ich will versuchen neue Denkanstöße zu geben.

Warum gehen Sie so ausführlich auf die Sexualität ein, obwohl wir da am wenigsten über Jesus wissen?
Martin Dreyer: Sexualität ist doch allgegenwärtig. Und in den Gemeinden, egal ob freie oder landeskirchliche, ist es überall Thema. Zumindest hinter verschlossenen Türen. Pfarrer, Pastoren und Pastorinnen werden gefeuert wegen sexueller Beziehungen. Seelsorger oder Lobpreisleiter beiden Geschlechts outen sich als homosexuell und werden prompt ihres Dienstes enthoben. Ich höre das überall. Aber auch in sehr vielen Jugendgottesdiensten, in denen ich predigen darf, kommen danach Jugendliche, die eine Beichte von sexuellen Sünden bei mir ablegen wollen. Und genau das ist der Punkt: Wir haben uns eine christliche Sexualmoral geschaffen, ohne dass wir Christus dazu befragt haben. Ich hörte im Dienst auch mehrfach von jungen Männern, die sich ihr Genital abschneiden wollten, weil sie es mit der gängigen christlichen Sexualmoral nicht in den Griff bekamen. Übrigens auch von Frauen. Das muss man sich mal vorstellen. Mir war es wichtig, in dem Kapitel zuerst nur positiv über dieses Thema zu schreiben.

Was heißt das?
Martin Dreyer: Der Evangelist Johannes erwähnt, dass Jesus von Anbeginn der Schöpfung dabei war. Paulus bestätigt dies im Kolosserbrief noch einmal: »Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen worden …« (Kolosser 1,16). Also hat er auch die Sexualität erschaffen. Sexualität ist etwas Göttliches, etwas nur Gutes, ein Riesengeschenk, das Jesus uns gemacht hat. Wir sollten als Jesusnachfolger mehr darüber nachdenken, wie wir dieses Geschenk in dankbarer Weise auspacken, ausleben und genießen können. Wir wissen, dass Jesus ein normaler Mann war. Er hatte alle menschlichen Bedürfnisse, die die Wissenschaft heute kennt. Ich finde es vollkommen abwegig zu glauben, dass Jesus nicht auch sexuelle Gefühle kannte. Auch wenn er sie vielleicht nie mit einem Menschen ausgelebt hat. Er war doch der Immanuel, »Gott mit uns« (Jesaja 7,14), »Das Wort wurde Fleisch« (Johannes 1,14). Überall wo ich das sage, schreien Christen auf. Vielleicht auch, weil Jesus ihnen plötzlich zu nahe kommt. Nicht nur ins Herz, sondern auch in die Hose.

Jesus könnte gekifft haben, schreiben Sie. Warum ist das wichtig?
Martin Dreyer: Auch hier geht es mir vor allem um einen lebensbejahenden Jesus. Ich glaube, dass Jesus ein sehr fröhlicher Mensch gewesen ist, dass er oft gelacht hat, dass er das Leben genossen hat, dass er sich gefreut hat und auch feiern konnte. Ob Jesus nun gekifft hätte, weiß ich natürlich nicht. Aber er hat definitiv Wein getrunken, das wissen wir aus der Heiligen Schrift. Er wurde sogar als Weinsäufer beschimpft. Jesus war kein Asket. Jeder der Wein trinkt weiß, dass schon nur ein Glas einen kleinen Rausch auslöst. Das muss bedeuten, dass auch der Gottessohn Rausch gekannt haben muss. Rausch an und für sich ist nichts Sündiges. Die Jünger in der Apostelgeschichte werden ja sogar beim Kommen des Geistes von Außenstehenden als berauscht wahrgenommen (Apostelgeschichte 2,13). Ich schreibe aber auch über Sucht als tödliche Krankheit, die immer eine lebensbedrohende Gefahr für süchtige Menschen darstellt. Wer suchtkrank ist, sollte nicht kiffen und auch keinen Alkohol trinken. Jesus hat alle Krankheiten geheilt.

Sie stellen den Lesern »Jesus als Freak« vor. Wie viel Martin Dreyer steckt in Ihrem Bild von Jesus?
Martin Dreyer: Zuerst stelle ich Jesus als einen normalen Menschen vor, der aber auch gleichzeitig Gottes Sohn ist. Doch mit seinen Worten und Taten würde man ihn heute wohl auch als Freak bezeichnen können. Mein persönliches Bild von Jesus hat sich in den letzten 33 Jahren stetig gewandelt. Ich glaube, das ist auch normal und gesund. Dabei habe ich nie versucht, mir einen Jesus so basteln, wie er gerade in mein Leben passt. Die Veränderung meiner Gottesvorstellung hatte stets mit regelmäßigem und auch zunehmend kritischem Bibelstudium zu tun. Viele der Gedanken aus dem Buch sind aber auch im täglichen Erleben Gottes, in hunderten Gesprächen mit Christen und Nichtchristen erwachsen. Dazu kommt eine intensive Beschäftigung mit der Kirchengeschichte und anderen Dingen.

Welche Frage hat Sie dabei am meisten umgetrieben?
Martin Dreyer: Sehr stark hat mich die Frage beschäftigt, warum die Kirche in Deutschland zur Zeit langsam stirbt. Wachstum passiert nur noch durch eigene Kinder und vielleicht durch ein paar Flüchtlinge. Neue Gemeinden profitieren von Christen aus anderen Gemeinden. Da ich den Glauben an Jesus als die schönste und glücklichste Erfahrung meines Lebens erlebt habe, kann ich das nicht verstehen. Und ich kam auf die Frage, ob dies vor allem mit einem falschen Jesusbild zu tun hat, mit einer falschen Darstellung von dem, wie es ist, ein Christ zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre sehr viel Weite bei Gott erfahren. Jesus ist nicht so leicht zu fassen, wie wir es vielleicht glauben. Die Gotteserkenntnis hat nie ein Ende, wenn man sich wirklich ganz auf ihn einlässt.

Foto: privat

Martin Dreyer: Der vergessene Jesus. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, 15,99 Euro. ISBN: 978-3-57908-530-2

Arbeiten mit Leidenschaft

Erntedanktische werden in diesen Tagen geschmückt. Wir danken für eine
gute Ernte und für unser täglich Brot, das es bei uns reichlich und in großer
Vielfalt gibt. Wie aber geht es den Menschen, die in der Landwirtschaft
arbeiten und die Lebensmittel produzieren? Michael Putzke hat zwei Bauern
auf ihren Höfen besucht. Sofort war spürbar: Diese Menschen arbeiten
gerne in der Landwirtschaft, aber es ist ein Beruf, der viel fordert.

Mit einer Hand greift Jens Villnow auf das Förderband und prüft die Weizenkörner:
Keine Spelzen, keine Bruchkörner, Grannen oder Strohreste. Alle Körner sind gleich groß. Der Landwirt nickt zufrieden. So muss das Korn aussehen.
Seit 1999 arbeitet der 58-Jährige in Nordhessen auf einem Hof, der auf Saatgut spezialisiert ist. Im Jahr produziert die Domäne Mittelhof im kurhessischen Bergland auf 275 Hektar Ackerland rund 500 Tonnen Saatgut. Dazu kommen noch weitere 500 Tonnen, die als Futtergerste, Back- und Futterweizen verkauft werden.
Um Getreide als Saatgut verkaufen zu können, muss es zertifiziert werden. Im Feld muss das Getreide sauber aufwachsen. Es geschieht immer wieder, dass alte Samenkörner auf dem Feld liegen bleiben und dann austreiben.
»Die müssen raus«, erklärt Jens Villnow. »Da muss ich durch das Feld gehen und mit der Hand die falschen Pflanzen ausreißen.« Wenn in den Monaten Mai und Juni das Korn gewachsen ist, prüft ein sogenannter »Feldanerkenner« vom Amt für Landwirtschaft, ob die Ähren gleichmäßig gewachsen sind und ob Unkraut im Feld ist. Weiter verfügt der Betrieb über Maschinen, die das Saatgut reinigen und die Körner nach Gewicht sortieren können. Dazu waren Investitionen von 200.000 Euro notwendig. Das Geld muss wieder reinkommen, dafür muss man flexibel sein. Jedes Jahr wird neu entschieden, welche Sorten Getreide angebaut werden. Immer mit der Frage konfrontiert, welche Getreidesorten vom Markt abgefragt werden.

Erntedankfest auf dem Acker mitten im Jahr
Was ist das Schöne am Beruf des Landwirts? »Die Arbeit in und mit der Natur«, sagt Jens Villnow »und der Umgang mit moderner Technik, die sich ständig weiterentwickelt.« Wenn der Boden gepflügt und ordentlich vorbereitet ist, dann kann er mit der Sämaschine aufs Feld. »Jede Bahn muss schnurgerade sein«, hebt der Landwirt hervor. »Jede Bahn ist für mich ein Erlebnis und gibt mir Zufriedenheit.« Dann ist das Korn im Boden und man lässt es wachsen.
Wenn nach zehn Tagen die junge Saat aus dem Boden kommt, »so schmal, spitz und zartgrün«, dann sei das einfach ein tolles Bild. Das sind die schönsten Momente im Leben eines Landwirtes, ein Erntedankfest mitten im Jahr.
Als Landwirt muss man sich ständig anpassen, trotz aller Technik, die es heute gibt. Den Regen könne man nicht bestimmen und den Frost auch nicht. So verzeichnete der Hof im Jahr 2012 über hunderttausend Euro Schaden, weil im Frühjahr sechzig Prozent der Aussaat erfroren ist. Da sei schon im Frühjahr der Verdienst auf der Strecke geblieben.

Der Trend in der Landwirtschaft: Immer größer, mehr und billiger
Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Früher gab es viele Familienbetriebe, die Kühe, Schweine und Hühner hielten und dazu noch Ackerbau betrieben. Jeder hatte alles und war damit nahezu autark. Heute gibt es diese Betriebe kaum noch. Landwirte müssen sich spezialisieren und dafür Risiken eingehen. Horst Käse hatte mit seinem Hof auf Milchkühe gesetzt. Im nordhessischen Ort Uengsterode hielt er einen kleinen Hof mit 30 Kühen.
1979 hat er dann den Schritt gewagt und ist ausgesiedelt.
Außerhalb des Dorfes baute er einen neuen Stall für 60 Kühe. Als der Milchpreis fiel, hatte er zeitweise 80 Tiere im Stall, um die Kosten aufzufangen.
Da standen die Tiere unter Stress und wurden nach und nach krank. Den Gewinn habe er gleich wieder an den Tierarzt weitergeben müssen. »So geht das nicht«, sagte der 60-Jährige entschlossen und reduzierte wieder die Zahl der Milchkühe auf 50, dazu noch Rinder und Nachzucht. Eine Zeit lang konnte der Hof von Horst Käse damit gut leben. Aber der Preis der Milch fiel weiter. Eigentlich braucht es einen Preis von 40 Cent pro Liter, sagt der Landwirt. Irgendwann fiel der Preis auf 20 Cent. »Da habe ich die Milch in die Gülle gekippt.« Der Preiskampf der Discounter, die den Liter Milch für 47 Cent anbieten, bringt Milchbauern in größte Nöte. Im Mai 2016 entschloss sich Horst Käse schweren Herzens, die Milchviehwirtschaft einzustellen.
Jetzt zieht er Kälber auf, die er nach acht, neun Monaten weiterverkauft.
Das Schöne an seinem Beruf sei die Arbeit mit den Tieren, sagt Horst Käse. Von den Milchkühen habe er jedes einzelne Tier gekannt. Und wenn sie heute auf der Weide stehen, könne er die Tiere von weitem unterscheiden.
»Wenn es den Tieren gut geht, geht es mir auch gut«, betont der drahtige Landwirt. Jetzt freut er sich, wenn die Milchkühe kalben und die Milch den Kälbern zugutekommt. Insgesamt hat der Hof zur Zeit 184 Stück Vieh, das auf den Weiden und im Stall steht.
Das Grünfutter produziert Horst Käse auf den 110 Hektar Land selbst; den Tieren schmeckt das Gras eben am besten. So kann es für ihn weitergehen.
Hauptsache, die Preise bleiben stabil. mip

Die Katze auf dem Bauch: John Wesley als Arzt

 

Theologe, Erweckungsprediger und Religionsstifter: So John Wesley (1703–1791), der Gründer der weltumspannenden methodistischen Bewegung, bekannt. Weitgehend unbekannt ist, dass von all seinen Schriften ausgerechnet ein kleines medizinisches Buch zum Bestseller wurde. »Primitive Physic« war eines der populärsten Bücher Englands im 18. Jahrhundert und kann durchaus als erstes Handbuch für Allgemeinmedizin gelten. Der Hausarzt Martin Glauert hat sich auf die Suche gemacht.

 

Ein tiefgläubiger Mensch war John Wesley, aber mindestens ebenso eigenwilliger Mensch gewesen sein. Obwohl Priester der anglikanischen Kirche, hatte er doch keine eigene Pfarrei, sondern predigte abwechselnd in den Gotteshäusern seiner Kollegen. Denen wurde es irgendwann zu bunt mit dem frommen Eiferer, und er erhielt Hausverbot. Seine unbändige missionarische Energie brachte Wesley auf eine Idee, die damals als revolutionär und geradezu ungeheuerlich empfunden wurde: Von nun an ritt er auf einem Pferd durchs ganze Land und predigte unter freiem Himmel!

Ein hartnäckiger Prediger
Nicht nur auf den Marktplätzen der idyllischen Dörfer Südenglands trifft man ihn, wo er auf offene Ohren der gläubigen Landbevölkerung stößt. Auch in die Zechentäler von Wales wagt er sich und zu den Arbeitern der Baumwollfabriken Nordenglands. Die industrielle Revolution hat ein verarmtes Proletariat geschaffen, das sich von der Gesellschaft verraten fühlt. Elend, Trunksucht und Gewalt herrschen in den wachsenden Industriestädten. Und da kommt so ein frommer Pfaffe, predigt Tugend und Enthaltsamkeit, Glaube und Demut!
Oft wird er niedergebrüllt, mit Steinen und Exkrementen beworfen, mehrfach muss er fliehen und kann nur mit Mühe sein Leben retten. Am nächsten Tag aber steht er wieder da und verwandelt mit seiner Ausstrahlung und Hartnäckigkeit auch die erbittertsten Gegner. Am Abend lassen sich Hunderte taufen.
Auf seinen weiten Reisen lernt John Wesley das Leben der einfachen Leute kennen. Überall begegnet er Armut und Krankheit. Ärztliche Behandlung oder gar Medizin kann sich kaum einer leisten. Ebenso besorgt wie um das Seelenheil seiner Schäfchen ist Wesley um ihre Gesundheit. Er hält die Ohren offen und sammelt das medizinische Volkswissen, traditionelle Therapien und überlieferte Rezepte. 1747 veröffentlicht er sein Buch unter dem Namen »Primitive Physic«, was so viel heißt wie »ursprüngliche Heilkunst«. Der Untertitel verspricht »eine einfache und natürliche Methode, die meisten Krankheiten zu kurieren«.

Krankheiten von A bis Z
Genau 288 Krankheitsbilder werden aufgezählt und über 900 Therapien und Rezepte zu ihrer Heilung empfohlen. Das wirksamste Medikament wird zuerst benannt, dann folgt eine Aufzählung der Reservemittel, in dem Bewusstsein, dass jeder Fall und jeder Patient unterschiedlich ist und eine individuelle Therapie erforderlich sein kann. Das Spektrum der aufgeführten Leiden ist so bunt und breit gefächert wie das Leben selbst. Syphilis und Schlaganfall findet man ebenso wie Blindheit und Brustkrebs, Tollwut und Tinnitus. Von der Lepra bis zur Glatze – für alles hält das Buch therapeutische Ratschläge bereit.
Besonders ausführlich werden die Krankheiten besprochen, die damals (und teilweise heute) in England offenbar weit verbreitet waren: Husten, Schwindsucht und Rheumatismus. Dass auch Hundebisse, Flöhe und Wanzen eigene Kapitel haben, mag mit den unliebsamen Erfahrungen zusammenhängen, die Wesley auf seinen Reisen machte.

Medizin für die Allgemeinheit
Allgemeinmedizin bedeutet bei John Wesley aber nicht nur die Behandlung eines breiten Krankheitsspektrums, sondern auch, allgemeinverständlich zu sein und die notwendige Therapie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Damit tritt er bewusst in einen offenen Konflikt zu den Ärzten seiner Zeit. Die haben die Medizin zu einer abgehobenen, teilweise abstrusen Wissenschaft gemacht. Sie konstruieren geheimnisvolle Zusammenhänge, sprechen von Miasmen, bauen Philosophie und Astrologie in ihre Lehre ein – und das alles nur, um ihre Honorare in die Höhe zu treiben. Die Medikamente sind entsprechend undurchsichtige Mischungen und ebenso unerschwinglich.
John Wesleys Konzept ist radikal alternativ: »safe, cheap, and easy« – das heißt: Alle Heilmittel sind natürlich, billig und für jedermann einfach zu bekommen. So verwendet er Honig, Pflaumen, Limonade und Lakritz für unterschiedlichste Erkrankungen. Brennnessel, Zimt und Zwiebeln gehören zu seinem Erste-Hilfe-Kasten. Besonders rührend ist die Empfehlung, bei Magenschmerzen eine Katze auf dem Bauch schlummern zu lassen.

Skurrile Therapien mit ernstem Hintergrund
Natürlich ist Wesley ein Kind seiner Zeit, deshalb erscheinen uns seine Therapien teilweise skurril. Bei »hysterischer Kolik« empfiehlt er kalte Bäder oder warme Limonade, »im Extremfall koche drei Unzen von Klettensamen in Wasser und verabreiche es als Klistier, oder 20 Tropfen Laudanum in einem passenden Klistier, das gibt rasche Linderung.« Esssucht, »wenn sie ohne Erbrechen einhergeht, wird oft geheilt durch ein kleines bisschen Brot, in Wein getunkt und an die Nase gehalten.«
Keuchhusten war offenbar häufig und auch damals schon hartnäckig und langwierig. Dementsprechend füllen die Empfehlungen zwei ganze Seiten. »Benutze das kalte Bad täglich, oder reibe die Füße vor dem Zubettgehen gründlich mit Schweineschmalz vor dem Feuer, und halte das Kind darin warm. Oder reibe den Rücken im Liegen mit altem Rum ein. Das misslingt selten. In verzweifelten Fällen hat alleine eine Luftveränderung geheilt. »Gegen Irrsinn wird ein Sud von Ackerkraut viermal täglich« empfohlen, »oder reibe den Kopf mehrmals täglich mit Essig ein, in dem gemahlene Efeublätter aufgelöst wurden.«

Voll im Trend mit ganzheitlicher Sicht
Man amüsiert sich heute bisweilen beim Lesen und tut das Ganze schnell als Quacksalberei ab. Dann aber stolpert man über Stellen, bei denen man sich die Augen reibt. So heißt es bei der Behandlung des Skorbuts: »Ernähre dich einen Monat lang von Steckrüben, oder nimm morgens und abends einen oder zwei Löffel voll Zitronensaft und Zucker. Das ist ein wertvolles Mittel und gut erprobt.« Tatsächlich sind Steckrüben ebenso wie Zitronen ein wertvoller Lieferant von Vitamin C, dessen Mangel ja Skorbut hervorruft. 200 Jahre bevor die genauen biochemischen Zusammenhänge erkannt wurden, benennt Wesley hier die korrekte Therapie!
Überhaupt wirkt seine Auffassung ausgesprochen modern, mit seinem naturheilkundlichen und ganzheitlichen Medizinverständnis läge er heute voll im Trend. Unermüdlich betont er, dass vor allem der richtige Lebenswandel Voraussetzung für einen gesunden Körper ist: »Vermeide stark gewürzte Speisen und trinke Wasser in Mengen. Vermeide Kaffee und Tee, aber ein kleines Bier kannst du dir genehmigen. Sorge für reichlich Bewegung und frische Luft. Iss mehr Gemüse als Fleisch. Trage nicht zu viele Kleider.«

Wo ist die Evidenz?
Ganz selbstverständlich hebt er die Trennung von somatischen und psychischen Erkrankungen auf. Hysterie, Bulimie, Wahnsinn und Tobsucht werden ebenso selbstverständlich abgehandelt wie Erkältung, Krebs und Würmer. Damit entfällt die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, was selbst in unserem doch so aufgeklärten Zeitalter noch nicht gelungen ist.
Absolut ungewöhnlich, geradezu revolutionär für seine Zeit ist der sozialpolitische Aspekt seines Wirkens. Während seine Zeitgenossen die sozialen Missstände als gottgegeben hinnahmen, setzten sich die Methodisten von Anfang an für die Versorgung armer Familien, für Arbeitsbeschaffung und hygienische Lebensverhältnisse ein. Wesley gründet Armenapotheken und die ersten »free clinics« des Königreichs, in denen auch Mittellose kostenlos behandelt werden.
Und da ist noch eine frappierend moderne Idee. Zwar schöpft Wesley aus dem Erfahrungsschatz der Volksmedizin, doch er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Alles muss auf den Prüfstand! Überlieferte Rezepte schön und gut, aber sie müssen der empirischen Verifikation standhalten. Wesley befragt die Kranken und schreckt auch vor Selbstversuchen nicht zurück. Das wertvollste Prädikat in seinem Buch ist daher die kleine Bemerkung »tried« – selbst ausprobiert! Damit wird er zu einem Vorläufer unserer heutigen evidence-based medicine.
Bei allem aber blieb Wesley realistisch. Der letzte Satz mancher ausgeklügelten Therapieanleitungen lautet: »Rufe unverzüglich einen guten Doktor!«

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Therapievorschläge aus Wesleys »Primitive Physic«
Schwindsucht
Kalte Bäder haben viele schwere Fälle von Schwindsucht geheilt: ausprobiert.
Nimm keine Nahrung außer frischer Buttermilch, in einer Flasche gequirlt, und Weißbrot. Ich weiß, es ist erfolgreich.
Oder: mische einen halben Liter Magermilch mit einem Viertelliter Bier. Koche in dieser Molke etwa 20 Efeublätter und 2 oder 3 Schösslinge Ysop. Trinke die Hälfte in der Nacht, den Rest am Morgen. Tu dies, falls nötig, zwei Monate lang täglich. Dies hat in einem hoffnungslosen Fall Heilung gebracht. Ausprobiert.
Oder schneide jeden Morgen einen kleinen Soden aus der frischen Erde, lege dich nieder und atme eine Viertelstunde lang in das Loch hinein.
Oder wirf Weihrauch auf brennende Kohlen und atme den Rauch täglich durch eine passende Röhre in die Lungen. Ausprobiert.

Apoplex
Im Anfall füge eine Hand voll Salz in einen halben Liter kaltes Wasser und, wenn möglich, gieße es dem Patienten in den Hals. Er wird schnell wieder zu sich kommen.
Reibe den Kopf, Füße und die Hände kräftig und lass zwei starke Männer den Patienten aufrecht vorwärts und rückwärts durch den Raum tragen.

Essucht
Wenn sie ohne Erbrechen einhergeht, wird sie oft geheilt durch ein kleines bisschen Brot, in Wein getunkt und an die Nase gehalten.

Glatze
Reibe den Teil morgens und abends mit Zwiebeln, bis er rot ist. Reibe ihn danach mit Honig. Oder elektrifiziere ihn täglich.

Mundkrebs
Mische so viel verbranntes Alaun und so viel schwarzen Pfeffer, wie auf einem Sixpence liegen kann, mit einer Unze Honig und betupfe die Stelle damit oft.
Oder blase die Asche von scharlachrotem Tuch in Mund oder Rachen. Es misslingt selten.

Keuchhusten
Benutze das kalte Bad täglich, oder reibe die Füße gründlich mit Schweineschmalz vor dem Feuer vor dem Zubettgehen, und halte das Kind darin warm. Ausprobiert.
Oder reibe den Rücken im Liegen mit altem Rum ein. Das misslingt selten.
In verzweifelten Fällen hat alleine eine Luftveränderung geheilt.

Schwindel oder Schwimmen im Kopf
Erbrich dich ein- oder zweimal.
Oder, an einem Morgen im Mai, gegen Sonnenaufgang, schnuppere täglich den Tau auf Malvenblättern.

Lethargie
Schnupfe starken Essig die Nase hoch.

Syphilis
Nimm eine Unze Quecksilber jeden Morgen und ein Glas voll Schwefelwasser um 5 am Nachmittag. Ich kannte eine Person, die hiervon geheilt wurde, an der Schwelle des Todes, infiziert von einer unreinen Krankenschwester.

Tobsucht
Wickel um den Kopf Tücher, die in kaltes Wasser getaucht wurden,
oder setze den Patienten mit dem Kopf unter einen großen Wasserfall, solange seine Kraft es zulässt, oder gieße Wasser auf seinen Kopf aus einem Teekessel,
oder lass ihn einen Monat lang nichts als Äpfel essen.
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Martin Glauert

Dieser Text ist zuerst erschienen unter http://www.allgemeinarzt-online.de/a/1743919 / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

»Wir müssen mit der Realität
des Terrors leben lernen«

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: Die jüngsten Attentate in
Deutschland haben die Menschen erschüttert. Doch die Angst vor dem Terror
ist irrational, sagt der Journalist und Nahostkenner Johannes Gerloff.

Gerloff

»Angst habe ich nicht.« Johannes Gerloff sitzt auf einer Bank im Nordschwarzwald und genießt den Sommertag. Vor zwei Tagen hat sich in Ansbach ein syrischer Asylbewerber mit einer Nagelbombe in die Luft gesprengt und mehrere Menschen verletzt, am Freitag zuvor hat ein 18-jähriger Deutsch-Iraner in München neun Menschen erschossen. Alltag dort, wo Gerloff lebt: Der Journalist arbeitet seit 1999 in Israel, berichtet für die Website »Israelnetz« und hält Vorträge über den Nahostkonfl ikt, der längst in Europa angekommen ist. »Wir sind in einem Krieg, der schon weiter fortgeschritten ist, als wir das oft wahr haben wollen«, sagt der Nahost-Experte. »Seit dem 11. September 2001 wissen wir, dass es dunkle Mächte gibt, die etwas gegen die freiheitlich-westliche Gesinnung haben.« Dieser Gegner sei sehr schwer zu greifen. »Aber er ist da.«

Die deutschen Sicherheitsbehörden wüssten das. »Schon 2003 hat mir ein Mitarbeiter des Bundesverfassungsschutzes in einem Vortrag gesagt, Israel führt einen Krieg an unserer Stelle«, erklärt Gerloff. »Das heißt: Hätten wir den Krieg nicht in Israel, dann hätten wir ihn hier.« Deshalb sei er auch von den aktuellen Anschlägen nicht überrascht. »Ich bin mit Muslimen im Gespräch und beobachte, wie viele hierherkommen «, sagt er. Gerade Deutschland sei durch seine Stellung zu Israel, aber auch dadurch, dass es westliche Werte vertrete, ein Anschlagsziel. »Es war nur eine Frage der Zeit, dass dieser Terror hierherkommt.«

Angst hat der Journalist deshalb nicht – weder in Deutschland noch in Israel. Das Sicherheitsgefühl sei ja vor allem eine psychologische Sache. Zum Beispiel habe sich der Terror, den Israel in den vergangenen eineinhalb Jahren erlebt habe, hochgeschaukelt durch die modernen Medien – allen voran Facebook und Twitter. »Als das zurückging, hat auch der Terror seine Wirkung verloren.«

In Deutschland geschehe jetzt gerade das Gegenteil. »Durch die Medien rückt der Terror nahe an uns heran – wir waren quasi live in München oder Ansbach mit dabei.« Und schon greife die Angst um sich – obwohl das Terrorrisiko nach wie vor gering sei. »In Deutschland starben im vergangenen Jahr 3.500 Menschen im Straßenverkehr«, sagt er. »Und dennoch fühlen wir uns im Auto sicher. Das ist total irrational.«

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Diesen psychologischen Faktor müsse eine Gesellschaft und jeder Einzelne in den Griff bekommen. »Sonst drehen alle völlig durch«, sagt Gerloff. Sich deshalb von der Angst leiten zu lassen, bringe aber nichts. Stattdessen müsse man wachsam sein – und dazu gehören für ihn auch schärfere Sicherheitskontrollen. »Wer zum Beispiel mit einem richtig großen Rucksack ins Kino möchte, sollte schon kontrolliert werden. Das passiert zu wenig.« Dazu brauche man keine schwer bewaffneten Polizisten – wie der Anschlag in Ansbach zeige, wo der Täter von einem Ticket-Kontrolleur abgewiesen wurde, ehe er sich vor einem nahegelegenen Café in die Luft sprengte.
Deutschland, sagt Gerloff, müsse mit der Realität des Terrors leben lernen. »Dazu gehört auch, die Dinge beim Namen zu nennen«, sagt er. »Wenn einer mit seinem Rucksack in die Luft geht, dann ist er kein mutmaßlicher Attentäter, sondern er ist ein Attentäter.« Volker Kiemle

Foto: privat

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Hinschauen!

Als Christ in einem deutschen Flüchtlingsheim zu leben, kann gefährlich sein – das zumindest sagen Menschenrechtsorganisationen. Bis zu 40.000 Flüchtlinge, so rechnen sie vor, werden hierzulande regelmäßig Opfer religiös motivierter Gewalt . Das ist eine alarmierende Zahl und es ist gut, wenn Drangsalierungen und Diskriminierungen öffentlich gemacht werden.
Da darf auch die Polizei nichts verschweigen – auch nicht aus Angst, derartige Berichte könnten die Fremdenfeindlichkeit anheizen. Die Kölner Silvesternacht zeigt, dass das ein Eigentor ist. Auf der anderen Seite ist Hysterie nicht angebracht. In Deutschland leben – je nach Berechnung – rund eine Million Flüchtlinge. Überwiegend funktioniert das Zusammenleben, auch unter schwierigen Bedingungen. Bekannt werden naturgemäß Fälle, wo es nicht funktioniert.

Dass die Stimmung in Massenunterkünften auch aggressiv sein kann, verwundert nicht: Langeweile, Langeweile und noch mehr Langeweile, Lautstärke, Enge, fehlende Privatsphäre, keine Möglichkeit, die Traumata der Flucht zu verarbeiten. Dazu die völlige Ungewissheit, wie und wann es weitergehen wird, womöglich noch die Sorge um Angehörige, die in der Heimat geblieben sind. Da genügt schon der kleinste Ärger, und die Lage eskaliert. Schnell werden die Konflikte auf religiöse oder ethnische Ebenen gehoben.

Doch daraus auf eine strukturelle Verfolgung zu schließen, wie es die Autoren der jetzt vorgestellten Studie tun, ist angesichts der dünnen Datenlage zumindest fragwürdig. Zudem ist nicht nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen die Daten erhoben wurden. Es ist aber ein Verdienst der Studie, das Thema in die Medien und damit in die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Behörden und Heimleitungen dürfen nicht wegschauen und müssen dafür sorgen, dass alle Minderheiten sicher dort leben können – nicht nur Christen, sondern auch alleinstehende Frauen, Homosexuelle, Kinder. Dazu müssen sie auch genau hinschauen, wer dort die Aufsicht hat und welche Gruppen sich bilden. Das geht nur mit geschultem Personal. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass nur die Personen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen, die minderjährige Flüchtlingen betreuen und beaufsichtigen.

Gefordert sind aber auch wir alle: Nur, wer direkten Kontakt mit den Flüchtlingen vor Ort hat, kann beurteilen, wie es ihnen geht – und sich bei Bedarf auch einmischen. Gleichzeitig funktioniert nur so Integration. Denn wie sollen sich Menschen hier einleben, wenn sie keinen Kontakt zu den Einheimischen haben?

Volker Kiemle