Debatte um Homosexualität in der EmK

Im Februar 2019 stehen auf der außerordentlichen Generalkonferenz Entscheidungen an, die unsere Kirche verändern werden. Dabei ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen, wie die Entscheidungen ausfallen werden. Mit dieser Ausgabe von »unterwegs« informieren wir über die Debatte um Homosexualität in unserer Kirche. Bischöfin i.R. Rosemarie Wenner zeigt auf, warum das höchste Gremium der EmK seit über 40 Jahren mit dieser Frage ringt (Seiten 6 und 7).

Das Thema polarisiert: Manche halten es für undenkbar, dass sich die Kirche Homosexuellen weiter öffnet. Für andere ist gerade dieser Schritt dringend geboten. In dieser Ausgabe wollen wir die Bandbreite der Meinungen in der EmK abbilden. So vertreten zwei Professoren von der Theologischen Hochschule in Reutlingen unterschiedliche Positionen (Seiten 10 und 11). Sie tun das im gegenseitigen Respekt. Auch eine ganze Anzahl an Personen aus unserer Kirche teilen mit, wie sie in dieser Frage denken (Seiten 14 bis 17).

Wir hoffen, dass diese Ausgabe von »unterwegs« bei den Gesprächen in den Gemeinden hilft, sich eine Meinung zu bilden – und trotz aller Unterschiede das Verbindende zu sehen. Eine solche Auseinandersetzung, die in der Liebe bleibt, bringt uns als Kirche weiter. Wir wünschen Ihnen bei der durchaus fordernden Lektüre von »unterwegs« viele Denkanstöße und gute Gesprächshilfen.

Ihr Michael Putzke

»Im Alter meldet sich die Seele«

Bundesarchiv, Bild 183-19000-1661 / CC-BY-SA 3.0

Der Krieg hat sie geprägt. Kinder spielen in Ruinen

Am 1. September vor 79 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Über das Schicksal der Kriegskinder spricht Pastorin Ulrike Burkhardt-Kibitzki.

Frau Burkhardt-Kibitzki, was verbindet die Generation, die den Krieg als Kinder erlebt hat?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: In der Forschung geht man davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Kriegskinder Traumata erlebt haben, davon 10 Prozent sehr schwere. Dazu gehört auch ein großer Mangel an Geborgenheit, den die Kinder erlebten. Die Erwachsenen standen ja stark unter Druck. Die Eltern konnten ihre Kinder nicht richtig binden und schützen. In den ersten Lebensjahren ist die Bindung an die Eltern entscheidend. Aber viele Männer waren im Krieg und die Mütter konnten ihren Kindern oft nicht mehr den nötigen Halt geben.

Haben die Kriegskinder auch bestimmte Fähigkeiten entwickelt?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: Es herrschte bald nach dem Krieg die Stimmung: »Wir werden das schaffen! Wir beißen auf die Zähne. Keine Wehleidigkeit!« Fleiß, Disziplin, Tüchtigkeit; das war das große Credo. Aber die Seele ist bei Vielen zurückgeblieben. Sie meldet sich jetzt im Alter, oft über deren Enkel, die ihre Großeltern fragen: »Wie war das damals?« Da geschieht etwas, was die Generationen verbindet.

Seit fünfzehn Jahren brechen Kriegskinder ihr Schweigen. Warum jetzt?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: Das ist die Zeit, in der die Älteren aus der Generation der Kriegskinder in Ruhestand gegangen sind. Die Kriegskinder sind die 1930er- bis 1945er-Jahrgänge. Ab Mitte der 1990er-Jahre sind diese in Ruhestand gegangen. Da ist etwas hoch gekommen, was viele über Jahrzehnte verdrängt haben. Es durfte ja nicht darüber gesprochen werden. Dazu gab es damals nach dem Krieg keine Möglichkeit der Psychotherapie. Die Menschen haben einfach die Ärmel hochgekrempelt und hart gearbeitet. Sie sind fleißig gewesen und wollten es zu etwas bringen. Materieller Wohlstand hat eine gewisse Geborgenheit gegeben.
Erst als dann die Berufsarbeit weggefallen ist, sind die Erinnerungen wieder hochgekommen. Es hat seitdem zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema gegeben. Das wirkte wie ein Dammbruch und es war eine große Erleichterung für viele Kriegskinder, dass über diese Erfahrungen endlich gesprochen wurde. Man konnte jetzt sagen: »Unter uns Deutschen waren nicht nur Täter; wir waren Kinder, wir waren Opfer.« Das galt bis in die 1990er-Jahre als politisch nicht korrekt. Heute gibt es einen differenzierteren Blick.

Wo kommen die Erfahrungen der Kriegskinder in der Kirche vor?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: Das Thema ist in der Seelsorge wichtig, wenn Menschen sich öffnen und einfach mal erzählen wollen. In der klassischen Seniorenarbeit mit Kaffeetrinken und Nachmittagsprogramm spielt es nicht die große Rolle, weil die Erinnerungen zum Teil unter Verschluss gehalten werden in einer größeren Gruppe. Dann ist es auch eine Mentalitätsfrage, ob Menschen gerne erzählen oder nicht.

Wie kann eine Gemeinde helfen, ins Gespräch zu kommen?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: Der Seniorenkreis kann ein Ort sein, wo Menschen über ihre Kindheit sprechen dürfen. Es braucht dazu aber einen Raum des Vertrauens. Nicht jeder Seniorenkreis ist dafür geeignet. Man muss vertrauensvoll damit umgehen – gerade mit den schweren Erlebnissen. Manche empfinden hier auch eine Grenze: Sie wollen das Schwere, das andere in ihrer Generation erlebt haben, nicht hören, weil es sie zu sehr belastet; weil dann der eigene Schmerz, die eigene Trauer zu stark berührt wird. Das muss man respektieren.

Welche Gelegenheiten gibt es noch?
Ulrike Burkhardt-Kibitzki: Eine gute Möglichkeit ist es, den Seniorenkreis mit der Gruppe vom Kirchlichen Unterricht zusammenzubringen. Da erlebe ich es auch, dass Jugendliche fragen und hören wollen: »Wie habt ihr das damals erlebt?« Erlebte Geschichten zu hören ist immer gut, und die Senioren werden mit ihren Erinnerungen nicht allein gelassen.


Der Autor
Michael Putzke ist der Leitende Redakteur von »unterwegs«, des Magazins der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Dieses Interview wurde Ausgabe 2018-18 von »unterwegs« veröffentlicht.

Kontakt: redaktion@emk.de.

Zur Information
Pastorin Ulrike Burkhardt-Kibitzki ist Beauftragte für Seniorenarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche.

https://www.emk-bildung.de/info-seniorenarbeit.html

 

Die Generation der Kriegskinder

»Damals nach dem Krieg …«

So begannen manche Sätze meiner Eltern. Dann erzählten sie von den Hunger- und Mangeljahren nach 1945. Sie berichteten von den verunsicherten Lehrern in der Schule, die mit einem Mal etwas anderes sagten als noch vor der Kapitulation. Manchmal sprachen die Eltern in leisem Ton von den Sirenen in den Bombennächten und dem Schrecken der Tiefliegerangriffe in den letzten Kriegswochen.

Im Rückblick wird mir klar, dass diese Erinnerungen meist nur im privaten Rahmen geäußert werden konnten. Thema in der Öffentlichkeit waren in meiner Jugend lange alleine die Verbrechen der Nationalsozialisten, die ganze Länder in Europa mit Krieg und Vernichtung überzogen hatten. Heute gestehen wir ein, dass auch viele Kinder in Deutschland damals Schweres erlebt haben. Gut, dass heute darüber gesprochen werden kann.

Der Theologe und Journalist Christoph Fleischmann zeigt in seinem Artikel auf den Seiten 6 und 7 in dieser Ausgabe von „unterwegs“, wie der Krieg das Leben seines Vaters zutiefst geprägt hat. Wie viele Andere aus der Generation der Kriegskinder hat auch er erst im Ruhestand solche Erinnerungen an sich herangelassen.

Der 1. September ist ein Tag, an dem wir daran denken, dass vor bald achtzig Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Mit dem Blick auf die Geschichte können wir einfach dankbar sein, schon so lange in Frieden zu leben.

Ihr Michael Putzke

»Freu dich mit Israel seiner Gnaden«

Am Israelsonntag war meist die Zerstörung des Tempels in Jerusalems das Thema. Warum eigentlich? Lange wurde dabei betont, was die Kirche von der Synagoge trennt. Heute erinnern wir uns besser an die Treue Gottes, die Christen und Juden gilt.

»Während der Tempel brannte, raubten die Soldaten, was sie fanden und töteten, die ihnen in die Hände fielen. Kein Erbarmen hatten sie mit dem Alter, keine Achtung vor der Würde. Kinder und Greise, Laien und Priester wurden ohne Unterschied ermordet. Unter allen Schichten wütete der Krieg, ganz gleich, ob die Menschen um Gnade flehten oder sich zur Wehr setzten.« So beschreibt der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus. Am neunten Tag des jüdischen Monats Av zerstörten die Römer den Tempel; als wollten sie damit ihre Überlegenheit demonstrieren: »Auch euer Gott kann uns nicht stoppen!« Mit dem Auslöschen seines Tempels wollten die Römer den biblischen Gott selbst symbolisch vernichten. Das antike Judentum veränderte sich in der Folge von Grund auf.

Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Bild von Francesco Hayez (1791-1881). Quelle: Wikimedia Commons

Die Zerstörung des Tempels haben die Juden nie vergessen. Das ist doch der Ort gewesen, wo Gott wohnte. Bis heute ist der 9. Av ein Trauertag, an dem man fastet und betet. Die Schuld am Geschehen sieht Israel auf seiner Seite: »Wir haben dein Haus verwüstet durch unsere Sünden. Wir haben unsere Propheten getötet und alle Gebote übertreten, die in der Thora sind.« So heißt es selbstkritisch im Midrasch Pesikta Rabbati.

Israelsonntag: Unser Verhältnis zum Judentum

Diese Ausgabe von »unterwegs« erscheint am Israelsonntag, am 10. Sonntag nach Trinitatis. Dieses Datum liegt in der Nähe des 9. Av, an dem Juden um den Tempel trauern. An diesem Tag erinnert sich die Kirche an ihr Verhältnis zum Judentum. Lange hatte sie sich exklusiv als das neue Israel verstanden, mit dem Gott einen neuen Bund geschlossen hat. Daraus folgerte sie dann entschieden, dass damit der alte Bund vergangen sei. So wurde am Israelsonntag darüber gepredigt, wie Jesus über Jerusalem weint. Lukas beschreibt Jesus als einen, der die Katastrophe der Zerstörung des Tempels kommen sieht. Er weinte über Jerusalem: »Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen« (Lukas 19,42). Im zerstörten Tempel konnten die Menschen damals Gott nicht mehr nden. Und so sei der alte Bund auch durch den neuen abgelöst worden.

Leben von der Treue Gottes

Christen haben neu gelernt, dass Gott treu ist: Der Bund Gottes mit seinem Volk hat Bestand. Diesen Lernprozess kann man in einem Lied unseres Gesangbuches zeigen: »Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! Lobt ihn mit Schalle, werteste Christenheit!« Im vorigen Gesangbuch war es die Nummer 124. Wie ging die erste Strophe dort weiter? »Er lässt dich freundlich zu sich laden, freue dich, Israel, seiner Gnaden.«

Wer ist hier Israel? Es ist die Kirche oder wie es im Lied heißt, »die werteste Christenheit«. Sie reklamiert es für sich, Israel zu sein! Im neuen Gesangbuch heißt es anders (EM 79): »Er lässt dich freundlich zu sich laden. Freu dich mit Israel seiner Gnaden.« Aus der Freude, das Israel seiner Gnaden zu sein, wird die Freude mit Israel. Das gibt dem Lied eine neue Bedeutung. Wir freuen uns, zusammen mit dem Volk Israel seine Kinder zu sein.

Als Christen teilen wir mit dem Judentum das Alte beziehungsweise »Erste« Testament mit seinen Geboten, Hoffnungstexten, den Verheißungen und Psalmen. Wir glauben an Christus, der als Jude gelebt hat und gestorben ist. Das bindet uns an das Judentum. Auch die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 hat eine Bedeutung für uns Christen. Dass Zionisten Anfang des 20. Jahrhunderts in das damalige Palästina, in das Land der Verheißung, zurückgekehrt sind und dass später der Staat Israel gegründet wurde, ist ein Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk. Dahinter können wir nicht zurück.

Michael Putzke

Jetzt am Sonntag ist der »Israel-Sonntag«. Aus diesem Anlass machen wir in »unterwegs« eine Nummer zum Thema Israel.

Der Staat Israel. In den ersten Jahren wurde er existentiell bedroht, setzte sich aber durch. Viele Menschen bewundern dieses kleine und moderne Land im Nahen Osten. Es ist einem steten Wandel unterworfen und bietet gleichzeitig viel Geschichte und Kultur.

Israel löst immer wieder Diskussionen aus. Allein die Nachrichten der letzten Wochen zeigen eine große Spannweite: So rettet Israel »Weißhelme« aus Syrien aus einer aussichtslosen Lage. Was für eine humanitäre Geste! Auf der anderen Seite verabschiedet die Knesset ein »Nationalitätsgesetz«, das den jüdischen Charakter des Landes stärken soll, aber die Minderheiten im Land übergeht. Das Gesetz wird auch in Israel heftig kritisiert, es schwäche die Demokratie des Landes.

Im Heft können wir nur Ausschnitte zeigen:

Neben der Geschichte der Staatsgründung (Seiten 6 und 7) und einem Erfahrungsbericht, warum Christen gerne nach Israel reisen (Seiten 8 und 9), ist das Thema des neuen Antisemitismus bedrängend. Denn er tritt in unserem Land wieder neu auf. Hier sind wir gefordert, Stellung zu beziehen.

Ich wünsche allen viel Freude beim Lesen von »unterwegs«.

Schalom!

Ihr Michael Putzke

Baut Windmühlen!

229 – so viele »unterwegs«-Ausgaben durfte ich in den vergangenen neun Jahren für Sie, liebe Leserinnen und Leser.  produzieren. Dankbar blicke ich auf diese Zeit zurück, auf viele bereichernde Begegnungen, auf spannende Entwicklungen und Herausforderungen in unserer Kirche und darüber hinaus. Die Zeitschriftenarbeit der EmK einige Jahre gestalten zu können, das hat mir große Freude gemacht und ich hoffe, dass etwas von dieser Freude sichtbar geworden ist in Ihrem »unterwegs«. Danke für die vielen Rückmeldungen, mit denen Sie unsere Arbeit begleitet haben!
Veränderungen gehören zum Leben, auch wenn wir sie oft als bedrohend empfinden. Nur die Veränderung kann mir zeigen, ob mein Weg der Richtige ist für mich. Man muss nicht so weit gehen wie der TV-Pfarrer Heiko Bräuning, der in einem mehrwöchigen Experiment sein eigenes Sterben bis zur Beerdigung durchgespielt hat. Er wollte herausfinden, was ihm wichtig ist – und hat als Konsequent seinen Pfarrerberuf an den Nagel gehängt.
Aber klar ist: Wer sich auf Veränderung einlässt, spürt die Energie und die schöpferische Kraft, die in ihr liegt. »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen«, so heißt ein chinesisches Sprichwort. Ich wünsche uns allen, dass wir mehr Windmühlen bauen!

Ihr Volker Kiemle

Weg von den Denkbarrieren!

Februar: Ich habe eine Woche Urlaub. Ich bleibe lang im Bett, lasse nach dem Frühstück ewig die Schlafklamotten an und gammle ein bisschen durch den Tag. Die BibelAndacht lasse ich ein gutes Buch sein und auch beim Gebet sage ich mir: »Nö, ich hab Urlaub.« Ich geh am Schreibtisch vorbei und blättere meinen Aufstellkalender um. Und was steht da: Urlaub ist die beste Zeit um Gott zu begegnen. »Gott hat Humor«, denke ich und ziehe mich um für einen Gebetsspaziergang.
Seither ist mir dieser Satz im Gedächtnis geblieben: Urlaub ist die beste Zeit um Gott zu begegnen. Und wirklich: Ich lese am Strand ein gutes Buch, der Mann auf dem Handtuch neben mir spricht mich darauf an, und wir reden eine gute Stunde leidenschaftlich über unseren Glauben. Beim Bergwandern erkenne ich in den Bildern der Natur Gottes Handschrift und bin tief beschenkt und inspiriert.
Auf dem Campingplatz werde ich von den Nachbarn zum Barbecue eingeladen, und wir reden bis tief in die Nacht – trotz Sprachbarriere – über Schicksalsschläge und Glaubenszweifel. Ausgerechnet auf Mallorca fotografiere ich dieses inspirierende Bauwerk, das auf dem Bild zu sehen ist. Ich setze mich davor und lasse meine Gedanken fliegen. Was ich da sehe, scheint mir ein Sinnbild zu sein für das, was Jesus vermitteln wollte: Unser Gottesbild und unsere Glaubenspraxis gehören regelmäßig auf den Kopf gestellt.
Ich habe Denkbarrieren in meinem Kopf. Die habe ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet, als Kind hatte ich die nicht; Denkbarrieren aufgrund meiner Herkunft, meiner Erziehung, meinen Lebenserfahrungen und aufgrund meiner Interessen. Meine Denkbegrenzungen gehen Hand in Hand mit meinen Interessen. »Monika first« – Ich will haben.
Ich will dürfen. Ich will mein Recht. Und das bestimmt mein Denken. So funktioniert auch die Welt: Sie hat ihre Interessen, und die bestimmen, was möglich ist. Und letztlich wird auch die Religion immer wieder in den Dienst unterschiedlichster Interessen gestellt:
Bequemlichkeit, Macht, Geld, Angst, Status.
Ich sehe diese Kirche auf dem Kopf und denke an die Bergpredigt. Jesus hat die geltende Interessenlage völlig ins Gegenteil verkehrt. Jesus konnte Glauben denken ohne eigene Interessen – weil er Gott nahe war wie kein anderer. Und er hat zu seinen Freunden gesagt: »Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge:
Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein« (Matthäus 17,20). Ich denke, das ist eine Metapher: Es geht nicht darum, Felsbrocken durch die Luft zu schleudern – es geht um den sprichwörtlichen Glauben, der Berge versetzt, der etwas bewegt, der alles verändert.
Denkbarrieren abbauen bedeutet, meine Interessen loszulassen. Und erst, wenn wir die loslassen, kriegen wir Bewegung in unsere Phantasie. Tja, meine Interessen loslassen – hört sich irgendwie nach Verlieren an. Ja, ein bisschen schon. Es heißt in gewisser Weise, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
Wir Anhänger von Jesus von Nazareth sind aufgefordert, die Kirche auf den Kopf zu stellen. Man muss den Kopf über uns schütteln, sonst machen wir was falsch. Methodist, das war ein Spottname – in England hat man den Kopf über diesen Verein geschüttelt – weil die Methodisten Denkbarrieren abgebaut und Interessen losgelassen haben.
Über Reformer wird man sich immer ärgern. Und über Methodisten sollte man immer den Kopf schütteln.
Jesus hat mit der Bergpredigt und mit seinem ganzen Leben die Welt auf den Kopf gestellt. Wir sollten’s ihm nachmachen. Die Kirche auf den Kopf stellen und draufklopfen, so dass alles Alte aus den Hosentaschen fliegt – Übrig soll die Liebe bleiben und die Phantasie, wie man diese Liebe unter die Menschen bringen kann.       Monika Brenner

Glücklich zu preisen sind die, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Matthäus 5,3Titel für Beitrag eingeben

 

Foto: Monika Brenner

Sterbehilfe und die göttliche Freiheit

Dürfen Christen Sterbehilfe leisten? Um diese und andere Themen ging es beim »Forum sozialdiakonische Ethik« der EmK in Nürnberg. Unter dem Titel »Hilfe beim Sterben – Hilfe zum Sterben « erhielten die Teilnehmer praktische und konkrete Ratschläge. Dafür sorgten fünf Fachreferenten, die am Vormittag jeweils einen kurzen Vortrag hielten und am Nachmittag in einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort standen.

Rund 50 Interessierte trafen sich mit den Mitgliedern des Forums und den Referenten und erlebten, dass die Vorträge zu einem so ernsten Thema auch sehr launig sein können und dass die Zuhörer auch miteinander lachen konnten.
Heike Linder, Palliativ-Fachkraft aus Stuttgart, eröffnete den Reigen. Sie machte deutlich, dass das Erleben einer Situation als so unerträglich, dass man nicht mehr weiterleben möchte, von jedem einzelnen Menschen sehr unter-Foto: UMNS schiedlich erfolgt. Dies schilderte sie eindrücklich an drei Beispielen.
Jürgen M. Bauer, Professor für Geriatrie in Heidelberg, nahm in seinem Referat die Beispiele auf und machte unter anderem deutlich, dass eine verantwortungsvolle Medizin sinnlose Therapien im Alter unbedingt vermeiden sollte.
Thomas Gutmann, Professor für Medizinrecht aus Münster, konnte ebenfalls an den genannten Beispielen vielen Zuhörern unter anderem die Sorge nehmen, dass sie, nur weil sie den Patientenwunsch erfüllen, bereits mit einem Bein im Gefängnis stehen.
Der Nürnberger Psychologe Frank Erbguth erläuterte den Begriff Hirntod und konnte der Zuhörerschaft sehr deutlich klar machen, dass ein Mensch ohne Hirnfunktion wirklich tot ist. Das größere Problem dabei seien meist die Angehörigen, die dies nicht akzeptieren wollten. Pastorin Birgit Fahnert, leitende Seelsorgerin in Berlin, konnte das in ihrem Fachreferat bestätigen und wies darauf hin, dass die Angehörigen viel Zeit brauchen, um den eintretenden Tod zu begreifen und anzunehmen.
Im theologischen Referat von Lothar Elsner, dem Theologischen Geschäftsführer der Bethanien Diakonissen-Stiftung, wurde deutlich, dass das Gebot »Du sollst nicht töten« für Christen uneingeschränkt gilt. Dennoch darf jeder Mensch es mit sich und seinem Gott alleine ausmachen, ob er das ihm von Gott geschenkte Leben lebt oder es beendet.
Die von Norbert Böhringer, Mitglied des Forums, geleitete Podiumsdiskussion, bei der zuerst Fragen des Publikums beantwortet wurden, war sehr lebhaft und zeigte noch einmal deutlich, wie gut sich die Referenten aufeinander eingestellt hatten und wie abgerundet die gesamte Thematik dargestellt wurde.
Als Fazit konnte jeder Besucher u.a. mitnehmen: Der Patientenwille steht an erster Stelle, darum ist es ganz wichtig, diesen frühzeitig zu formulieren. Außerdem ist es sehr wichtig, mehr über den Tod zu reden, besonders auch mit nahen Angehörigen.

Wilfried Röcker

Ein Schatz an starken Bildern

GiesekusDer 23. Psalm gehört zu den bekanntesten Texten überhaupt. Auch Menschen, die sonst kaum etwas mit der Bibel zu tun haben, kennen zumindest den Anfang. Was genau uns im Psalm 23 anspricht und warum, darüber hat Volker Kiemle mit dem Psychologen Ulrich Giesekus gesprochen.

Herr Giesekus, warum spricht Psalm 23 so viele Menschen an?
ULRICH GIESEKUS: Aus verschiedenen Gründen. Menschen aus dem christlichen und jüdischen Kulturkreis wissen, dass David, der diesen Psalm geschrieben hat, selbst Hirte gewesen ist. Christen sehen Jesus selbst als den guten Hirten. So ist dieser Psalm mit den Kernfiguren des Glaubens direkt verbunden. Aber es gibt noch andere Dimensionen, die über den christlichen Glauben hinausgehen: Der Psalm ist ein Feuerwerk an Bildern – der gute Hirte, der gute Wirt, das Tal des Todes, frisches Wasser. Der Psalm steht so stellvertretend für alles, was wir brauchen – und gleichzeitig für alles, was uns bedroht.
Oft wird der Psalm in Krisenzeiten gebetet.

Welche Schlüsselworte und Bilder sprechen Menschen in solchen Situationen besonders an?
ULRICH GIESEKUS: Die Spannung zwischen dem »Tal des Todes« und dem »keinen Mangel haben«, das sind die Pole, die dieser Psalm zusammenbringt – und die viele Menschen in Krisen eben nicht mehr zusammenbringen: dass es im Tal des Todes eine Geborgenheit, eine Sicherheit geben kann. Stecken und Stab, zwei weitere Bilder, sind Stütze und Waffe zugleich. Auch das Psalmende – »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen« – zeigt ja: Das Gute ist nicht immer da, aber mir immer dicht auf den Fersen. Dieses Spannungsfeld – ich verstehe Gott nicht, er ist mir fern – und gleichzeitig die Gewissheit, dass er immer da ist, das ist in Krisen wichtig: Weder soll die Krise verharmlost werden, noch verschwinden die Güte und Barmherzigkeit Gottes.

Welche psychischen Prozesse sorgen dafür, dass dieser Psalm tröstet?
ULRICH GIESEKUS: Wir wissen aus der modernen Hirnforschung, dass alles, was mit Bildern zu tun hat, unmittelbar auf die Gefühlswelt wirkt. Hirnregionen, die durch Bilder angesprochen werden, wecken sehr viel stärkere Gefühle als andere Regionen. Auch deshalb arbeiten moderne Therapeuten und Berater sehr viel mit Bildern und Geschichten: Der Einfluss von Bildern auf die automatisierten Denkprozesse – das Unbewusste – ist viel stärker als rein verbaler Zuspruch. Im Übrigen verwenden auch viele Therapeuten, die nicht gläubig sind, die Bibel als einen unglaublich reichen Schatz an starken Bildern, die seit Tausenden von Jahren Menschen beeinflusst haben.

Psalm 23 hilft also auch, wenn ich nicht an Gott glaube?
ULRICH GIESEKUS: Ja. Wobei dieser spezielle Psalm sehr auf die Gottesbeziehung hin ausgerichtet ist. Da ist es schwierig, sich ein anonymes Wesen vorzustellen, das mir zu essen und zu trinken gibt und mich mit Waffen verteidigt. Aber es gibt viele Bilder und Weisheitsliteratur in der Bibel, die bei Therapeuten sehr beliebt sind. Die Bilder sind einfach gut zu verstehen, und zwar für alle Altersgruppen.

In welchen Situationen können diese Bilder das Gegenteil auslösen?
ULRICH GIESEKUS: Es gibt natürlich Menschen, die in ihrer Lebensgeschichte religiöse Verletzungen erfahren haben, die quasi mit solchen Psalmen »meuchelnd überbibelt« wurden. Vielleicht ging es ihnen schlecht, und der Psalm wurde dazu benutzt, ihnen mangelndes Gottvertrauen vorzuwerfen und ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ich als Kind etwa den Psalm 23 auswendig lernen musste, ohne einen Bezug dazu zu haben, dann habe ich daran eher unangenehme Erinnerungen. Und dennoch zeigt die Erfahrung, dass auswendig gelernte Bibeltexte in späteren Krisensituationen sehr hilfreich sein können.

In welcher Krise wäre der Psalm 23 ein billiger Trost?
ULRICH GIESEKUS: Ich würde das nicht von der Qualität der Krise abhängig machen, sondern von der Beziehung zu der Person, die in der Krise ist. Sind wir in einer Beziehung, in der wir zusammen beten und zusammen weinen können, dann kann man mit dem Psalm nichts falsch machen. Benutze ich aber den Psalm als Bonbon des Trostes, obwohl der Betroffene ein dreigängiges Menü – also viel Zeit – braucht, dann wird das nicht funktionieren. Es kommt auf die Beziehung an.

Warum können Worte überhaupt trösten? An der Situation ändern sie ja zunächst nichts …
ULRICH GIESEKUS: Worte lassen Bilder im Kopf entstehen. Und diese Bilder wirken direkt auf unsere Gefühlswelt.

Wann hat die moderne Psychotherapie die Macht der Bilder entdeckt?
ULRICH GIESEKUS: Durch Forschung und Erfahrung; zudem werden durch die Internationalisierung der Psychotherapie auch orientalische Traditionen aufgegriffen, in denen das Geschichtenerzählen ganz wichtig ist. In der westlich geprägten Psychotherapie hat sich das Arbeiten mit Geschichten durchgesetzt unter dem eher missverständlichen Begriff »Hypnotherapie«, die mit der gängigen Vorstellung von Hypnose aber nichts zu tun hat. Es geht darum, dass Menschen durch Geschichten in einen entspannten Zustand gelangen, wo sie ihre Probleme nicht rein vom Kopf her bewerten.

Wenn die Psychotherapie auf Geschichten setzt – wo bleibt dann die Analyse psychischer Probleme?
ULRICH GIESEKUS: Die klassische Psychoanalyse ist in der heutigen Psychotherapie eine kleine Nische.Aber auch dort wird mit Träumen gearbeitet. Und Träume sind ja letztlich Bilder der Seele, die helfen können, zu einem tieferen Verständnis der eigenen inneren Konflikte zu kommen. Die heutigen Psychotherapeuten arbeiten mit einem Werkzeugkasten unterschiedlicher Methoden. Und dazu gehört in der Regel eine Verbindung von bildhaften Prozessen – man kann etwa die Familie mit Playmobil-Figuren aufstellen, man kann Farben oder Musik einsetzen – und ist nicht nur »im Kopf«, sondern auch bei den Gefühlen des Ratsuchenden.

Welches Erlebnis verbinden sie besonders mit Psalm 23?
ULRICH GIESEKUS: Ich bin Musiker, und es gibt eine wunderschöne Vertonung von Keith Green »The Lord is my shepherd«. Der Refrain »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang« hat mir in schwierigen Zeiten sehr viel Trost und Zuversicht gegeben: Egal, wie es gerade aussieht – das ist nicht das Ende und Gott hat dich nicht fallen gelassen.

 

Ulrich Giesekus ist Leiter von »BeratungenPlus« in Freudenstadt und Professor für Psychologie und Counseling an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Der promovierte Psychologe ist Autor zahlreicher Bücher und Vortragsredner.
www.beratungenplus.de