Ein Schatz an starken Bildern

GiesekusDer 23. Psalm gehört zu den bekanntesten Texten überhaupt. Auch Menschen, die sonst kaum etwas mit der Bibel zu tun haben, kennen zumindest den Anfang. Was genau uns im Psalm 23 anspricht und warum, darüber hat Volker Kiemle mit dem Psychologen Ulrich Giesekus gesprochen.

Herr Giesekus, warum spricht Psalm 23 so viele Menschen an?
ULRICH GIESEKUS: Aus verschiedenen Gründen. Menschen aus dem christlichen und jüdischen Kulturkreis wissen, dass David, der diesen Psalm geschrieben hat, selbst Hirte gewesen ist. Christen sehen Jesus selbst als den guten Hirten. So ist dieser Psalm mit den Kernfiguren des Glaubens direkt verbunden. Aber es gibt noch andere Dimensionen, die über den christlichen Glauben hinausgehen: Der Psalm ist ein Feuerwerk an Bildern – der gute Hirte, der gute Wirt, das Tal des Todes, frisches Wasser. Der Psalm steht so stellvertretend für alles, was wir brauchen – und gleichzeitig für alles, was uns bedroht.
Oft wird der Psalm in Krisenzeiten gebetet.

Welche Schlüsselworte und Bilder sprechen Menschen in solchen Situationen besonders an?
ULRICH GIESEKUS: Die Spannung zwischen dem »Tal des Todes« und dem »keinen Mangel haben«, das sind die Pole, die dieser Psalm zusammenbringt – und die viele Menschen in Krisen eben nicht mehr zusammenbringen: dass es im Tal des Todes eine Geborgenheit, eine Sicherheit geben kann. Stecken und Stab, zwei weitere Bilder, sind Stütze und Waffe zugleich. Auch das Psalmende – »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen« – zeigt ja: Das Gute ist nicht immer da, aber mir immer dicht auf den Fersen. Dieses Spannungsfeld – ich verstehe Gott nicht, er ist mir fern – und gleichzeitig die Gewissheit, dass er immer da ist, das ist in Krisen wichtig: Weder soll die Krise verharmlost werden, noch verschwinden die Güte und Barmherzigkeit Gottes.

Welche psychischen Prozesse sorgen dafür, dass dieser Psalm tröstet?
ULRICH GIESEKUS: Wir wissen aus der modernen Hirnforschung, dass alles, was mit Bildern zu tun hat, unmittelbar auf die Gefühlswelt wirkt. Hirnregionen, die durch Bilder angesprochen werden, wecken sehr viel stärkere Gefühle als andere Regionen. Auch deshalb arbeiten moderne Therapeuten und Berater sehr viel mit Bildern und Geschichten: Der Einfluss von Bildern auf die automatisierten Denkprozesse – das Unbewusste – ist viel stärker als rein verbaler Zuspruch. Im Übrigen verwenden auch viele Therapeuten, die nicht gläubig sind, die Bibel als einen unglaublich reichen Schatz an starken Bildern, die seit Tausenden von Jahren Menschen beeinflusst haben.

Psalm 23 hilft also auch, wenn ich nicht an Gott glaube?
ULRICH GIESEKUS: Ja. Wobei dieser spezielle Psalm sehr auf die Gottesbeziehung hin ausgerichtet ist. Da ist es schwierig, sich ein anonymes Wesen vorzustellen, das mir zu essen und zu trinken gibt und mich mit Waffen verteidigt. Aber es gibt viele Bilder und Weisheitsliteratur in der Bibel, die bei Therapeuten sehr beliebt sind. Die Bilder sind einfach gut zu verstehen, und zwar für alle Altersgruppen.

In welchen Situationen können diese Bilder das Gegenteil auslösen?
ULRICH GIESEKUS: Es gibt natürlich Menschen, die in ihrer Lebensgeschichte religiöse Verletzungen erfahren haben, die quasi mit solchen Psalmen »meuchelnd überbibelt« wurden. Vielleicht ging es ihnen schlecht, und der Psalm wurde dazu benutzt, ihnen mangelndes Gottvertrauen vorzuwerfen und ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ich als Kind etwa den Psalm 23 auswendig lernen musste, ohne einen Bezug dazu zu haben, dann habe ich daran eher unangenehme Erinnerungen. Und dennoch zeigt die Erfahrung, dass auswendig gelernte Bibeltexte in späteren Krisensituationen sehr hilfreich sein können.

In welcher Krise wäre der Psalm 23 ein billiger Trost?
ULRICH GIESEKUS: Ich würde das nicht von der Qualität der Krise abhängig machen, sondern von der Beziehung zu der Person, die in der Krise ist. Sind wir in einer Beziehung, in der wir zusammen beten und zusammen weinen können, dann kann man mit dem Psalm nichts falsch machen. Benutze ich aber den Psalm als Bonbon des Trostes, obwohl der Betroffene ein dreigängiges Menü – also viel Zeit – braucht, dann wird das nicht funktionieren. Es kommt auf die Beziehung an.

Warum können Worte überhaupt trösten? An der Situation ändern sie ja zunächst nichts …
ULRICH GIESEKUS: Worte lassen Bilder im Kopf entstehen. Und diese Bilder wirken direkt auf unsere Gefühlswelt.

Wann hat die moderne Psychotherapie die Macht der Bilder entdeckt?
ULRICH GIESEKUS: Durch Forschung und Erfahrung; zudem werden durch die Internationalisierung der Psychotherapie auch orientalische Traditionen aufgegriffen, in denen das Geschichtenerzählen ganz wichtig ist. In der westlich geprägten Psychotherapie hat sich das Arbeiten mit Geschichten durchgesetzt unter dem eher missverständlichen Begriff »Hypnotherapie«, die mit der gängigen Vorstellung von Hypnose aber nichts zu tun hat. Es geht darum, dass Menschen durch Geschichten in einen entspannten Zustand gelangen, wo sie ihre Probleme nicht rein vom Kopf her bewerten.

Wenn die Psychotherapie auf Geschichten setzt – wo bleibt dann die Analyse psychischer Probleme?
ULRICH GIESEKUS: Die klassische Psychoanalyse ist in der heutigen Psychotherapie eine kleine Nische.Aber auch dort wird mit Träumen gearbeitet. Und Träume sind ja letztlich Bilder der Seele, die helfen können, zu einem tieferen Verständnis der eigenen inneren Konflikte zu kommen. Die heutigen Psychotherapeuten arbeiten mit einem Werkzeugkasten unterschiedlicher Methoden. Und dazu gehört in der Regel eine Verbindung von bildhaften Prozessen – man kann etwa die Familie mit Playmobil-Figuren aufstellen, man kann Farben oder Musik einsetzen – und ist nicht nur »im Kopf«, sondern auch bei den Gefühlen des Ratsuchenden.

Welches Erlebnis verbinden sie besonders mit Psalm 23?
ULRICH GIESEKUS: Ich bin Musiker, und es gibt eine wunderschöne Vertonung von Keith Green »The Lord is my shepherd«. Der Refrain »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang« hat mir in schwierigen Zeiten sehr viel Trost und Zuversicht gegeben: Egal, wie es gerade aussieht – das ist nicht das Ende und Gott hat dich nicht fallen gelassen.

 

Ulrich Giesekus ist Leiter von »BeratungenPlus« in Freudenstadt und Professor für Psychologie und Counseling an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Der promovierte Psychologe ist Autor zahlreicher Bücher und Vortragsredner.
www.beratungenplus.de

Die Ostererfahrung der Heimatlosen

7Wanderer

Wir sind Zeugen einer Völkerwanderung, die auch unsere Gemeinden und unsere Kirche verändert. Damit leben wir das Zeugnis von Ostern, sagt George Miller – weil Migranten als »Osterleute« uns daran erinnern, auf welches Ziel wir hinleben.

Wir Migranten und Migrantinnen sind Osterleute, die Exodus und Leben im Exil noch richtig kennen. Und die es leben – müssen. Ob wir die Heimat freiwillig verlassen haben oder zwangsweise unterwegs waren und jetzt hier sind: Wir alle haben manches hinter uns. Jetzt sind wir Fremde in einem fremden Land.
Wir bringen jede Menge Erfahrungen mit. Manche von uns spüren am eigenen Leib, was das heißt: Tod, Zerstörung, Verfolgung, Armut, Entbehrung, Diskriminierung.
Also all diese Begriffe, an die die Welt sich fast schon zu gewöhnen scheint. Und die Liste wird immer länger. Mut brauchen wir alle, um aufzubrechen und Vertrautes und sicheres Terrain hinter uns zu lassen. Vom »gelobten Land« sind wir so ziemlich alle gefühlt und faktisch noch weit entfernt. Was aber macht uns Wanderer dann zu Ostermenschen?
In einem EmK-Seniorenkreis war kürzlich das Thema: »Gibt es Osterhasen in Nigeria?« Hinter dem etwas humorvollen Titel verbargen sich fundamentale Fragen nach dem Inhalt unseres Osterglaubens – nicht nur aus einheimischer Perspektive, sondern auch mit der Erfahrung unserer heutigen Migrantenwelt, in der Leute kommen und gehen – mal aus eigenem Antrieb, mal weil es nicht anders geht.

Auferstehung miteinander begreifen
Was bringen diese Einwanderer und Durchreisenden uns also an Glaubenserfahrung, dass wir alle miteinander Auferstehung neu begreifen könnten? Immer wieder sind es Bibelworte des Trostes und der Zusagen Gottes, die die Menschen tragen im Ringen, Kämpfen und den ganz alltäglichen Unsicherheiten. Hebräer 6 gehört dazu: »So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken – denn es ist unmöglich, dass Gott mit ihnen lügt –, einen starken Trost haben, die wir unsre Zuflucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung. Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele, der hinreicht in das Innere hinter dem Vorhang« (Hebräer 6, 18–19).
Manchen Menschen ist diese Zusage alles, was ihnen geblieben ist: Gott wird uns segnen, und wir werden dadurch dann auch anderen zum Segen werden. In das Allerheiligste hinter den Vorhang dürfen wir treten und zu unserem neuen Hohepriester vorstoßen. Inmitten von Heimatsuche und Wanderschaft sind wir schon Bundespartner und Kinder von Gottes Zusage, dass wir irgendwann frei sind von all dem, was Gottes Schöpfung zerstören will.

Zuversichtlich unterwegs
Das ist die Auferstehungshoffnung für die Osterfremden:
Dass Leute unterwegs zuversichtlich auf die Kraft und Verlässlichkeit dieses Gottes setzen – und das im Angesicht all des Negativen, des Verlusts und der Entbehrung.
Wenn der Gott von Ostern alles Schaffen und alles Werden unter seiner Kontrolle hat, dann ist das Ergebnis letztendlich immer Auferstehung und neues Leben.
Und so leben wir unseren Ruf als Wandernde. Unser Auftrag: uns auszustrecken nach der Lebenswirklichkeit »auf der anderen Seite des Kreuzes«. Machen wir uns nichts vor: Die Umsetzung dieses Auftrags erinnert oft mehr an schwierige Geburtswehen als an einen Spaziergang im Park. Aber dann wenden sich Verlust und Entbehrung in den Sieg über den Tod. Jetzt sind wir im Exil, dann sind wir daheim.
Diese momentane Zeit des Exils beschreibt der Theologe Walter Brüggemann als einen »harten und riskanten Verhandlungsprozess«. Migranten und Migrantinnen wissen, was das heißt. Wir sind wahre Meister, wenn es darum geht, im richtigen Leben immer neu verhandeln zu müssen. Als Christ brauchen Migranten einen starken Glauben, um sich inmitten des »ganz normalen Lebens« auf die andere Seite des Kreuzes auszustrecken und die Alternative schon jetzt zu leben.
Es kann bedeuten, in der einen oder anderen Situation keine Kompromisse einzugehen und stattdessen für Gerechtigkeit und Frieden aufzustehen – auch wenn es riskant ist. Das ist Osterglaube für die Fremden in einem fremden Land. Manchmal ist es ein schlichtes Nein, sich an die gegebenen Konventionen, Kultur oder Gesellschaft anzupassen, wenn das, was hier gefordert wird, mit dem Leben des Hohepriesters Christus nichts mehr zu tun hat.

Die Chancen der Wanderschaft
Aber die Wanderschaft bietet auch gewaltige Chancen für das Pfingstwunder der Osterleute. Dies geschieht immer, wenn Migranten und Migrantinnen plötzlich Teil einer gut eingerichteten einheimischen Gemeinde werden, wenn alle sich aufmachen müssen und das Gewohnte auf allen Seiten wieder frischen Wind und neues Leben spürt.
In den frühen Jahren der Kirche war das normal:
Eine Bewegung von Leuten, die unterwegs waren, lebte aus der Hoffnung und dem Zeugnis von der anderen Seite des Kreuzes. Das volle Verständnis des Mysteriums von Ostern – das war den Leuten damals wie uns heute klar – wird es erst an dem Tag geben, an dem alle Menschen nach Hause gekommen sind in Gottes Zukunft. Bis dahin sind wir unterwegs als Osterfremde in einem fremden Land und machen Erfahrungen von Passion und Ostern – manchmal beides zugleich: Auferstehungsglaube eben zwischen all diesen Zeiten.

»Jetzt ist Babylon, nicht Jerusalem«
Dieser Glaube wächst nicht automatisch oder aus purer Vernunft heraus. Der Anspruch ist hoch und fordert Menschen überall, ihre Komfortzonen aufzugeben. Migranten und Migrantinnen geben nur den Auftakt und das Thema für uns alle. Es geht nicht, den guten alten Zeiten, der verlorenen Heimat und reinen Kultur nachzuhängen und darüber vor lauter Bewahrungsmentalität die Mission zu vergessen – jetzt ist Babylon und nicht Jerusalem.
Als Osterfremde geben wir den Irrglauben auf, dass wir ohne Anderes und Neues in diesem Land das Innerste des Heiligtums auch nur ansatzweise erreichen könnten. Wir erkennen als Osterbegeisterte, dass wir als Kirche per se ein Ort der Zuflucht und Heimat für Fremde schon sind und werden und immer gewesen sind, dass Beziehungen hier nur auf gleicher Ebene gelebt werden können, Vielfalt als Reichtum geschätzt, Innovation und bahnbrechende Neuerungen willkommen sind und zum Konzept dazugehören und dass Lernen von und die Ermächtigung der Anderen einfach dazugehören. Wenn wir als Osterfremde in einem neuen Land unterwegs sind, gibt es keine Gastgeberchristen oder Migrantenchristen mehr, keine Rede von »zu laut« und »zu kalt« und »zu anders«, »zu chaotisch« oder zu »steif«, und aus den geschlossenen Vereinen wird eine Bewegung hin auf die andere Seite des Kreuzes.
Nicht zuletzt sind wir Methodisten. Und eines der Kennzeichen der Methodisten ist, dass wir unseren Glauben heraussingen. Unser Glaubensgesang handelt von der Befreiung von der langen Nacht der Ungerechtigkeit, Befreiung von dem Dunkel aller Karfreitage.
Noch sind die Dinge nicht so, wie sie einmal sein sollen, aber eines Tages wird Ostern ein Zustand, der einfach bleibt.
Und so strecken wir uns aus zur anderen Seite des Kreuzes und laden andere ein, mit uns zu singen, immer weiter – von unser aller Oster-Migranten-Geschichte.

George Miller
ist Koordinator für die Migranten- und Internationalen EmK-Gemeinden in Deutschland.

Über die in Ostafrikas drohende Hungersnot berichtete Missionssekretär Frank Aichele den Mitgliedern der Zentralkonferenz. Dort sind wegen der seit mehreren Jahren anhaltenden Dürre mehr als sechs Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Die Zentralkonferenz hat die EmK-Gemeinden deshalb zu Spenden aufgerufen und ist mit gutem Beispiel vorangegangen: Eine spontane Sammlung ergab 1.650 Euro.

Hier können auch Sie spenden.

Die reine Lust am Feiern

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Roger Wassmuth / Foto: Carolin Merkel

Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen.

Seit Kindertagen, erinnert sich Roger Wassmuth aus Saarbrücken, liebt er das bunte Fastnachtstreiben.
Spätestens zur Straßenfastnacht machte er sich schon als Kind auf den Weg, um in meist selbstgemachten Kostümen beim Fastnachtsumzug in der Saarbrücker Innenstadt mitzufeiern. In seiner Familie, erzählt er, sei das nicht überall auf Gegenliebe gestoßen.
Doch er hat sich diese Lust am Feiern in der närrischen Jahreszeit bis heute nicht nehmen lassen. »Für mich gab es nie einen Spagat zwischen meinem Glauben und der Fastnacht«, betont der aktive Methodist.
Während Wassmuths Mutter katholisch ist, bekam er vom Vater den methodistischen Glauben in die Wiege gelegt – und hat, wie er betont, bis heute keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, sich gegen die EmK zu entscheiden, auch wenn dort das Feiern von Fastnacht nicht von allen gerne gesehen wird. In seiner Jugend, sagt er, musste er schon manchmal einiges richtig stellen, »aber angefeindet worden bin ich wegen meines Glaubens nie«.
Wassmuth steht, das zeigt ein Gespräch mit ihm, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ist authentisch, lässt sich die Fastnacht nicht verbieten. »Ich kann für mich keine Stelle in der Bibel finden, in der die Fastnacht verboten würde«, sagt er. Die Bibel ist ein treuer Begleiter des 55 Jahre alten Ingenieurs, Arbeitgeber von zehn Mitarbeitern. Im Jahr 1992 hat Wassmuth den Laienpredigerdienst in Saarbrücken übernommen und predigt dort alle 14 Tage. »Die Vorbereitung darauf gibt mir sehr viel«, sagt er. »Wenn ich mich mit kirchlichen Texten beschäftige, bli-Die reine Lust am Feiern Roger Wassmuth predigt gerne – auf der Kanzel und in der Bütt. Fastnacht und Kirche gehören für den Saarbrücker Methodisten einfach zusammen. »Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt, das den Kopf wieder frei macht.«

So, wie er bei den Bibelstudien einen anderen Blick auf sich und seine Umgebung wirft, so ist es sich auch bei seiner ehrenamtlichen Arbeit als Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft Ri-Ra-Rutsch in Schwalbach-Griesborn. Schon früh hat er die Sitzungen besucht, half seit 2003 im Vorstand und hat schließlich den Vorsitz des Vereins übernommen. Und er ist stolz, Präsident von 250 Mitgliedern, darunter 150 Kinder und Jugendliche zu sein. Die Arbeit beschränke sich längst nicht auf die Zeit zwischen Saisoneröffnung und Aschermittwoch. Vielmehr fordert der Verein das ganze Jahr über den Vorsitzenden, im vergangenen Jahr war die KG Ri-Ra-Rutsch mit 17 Veranstaltungen aktiv. »Klar, in den Wochen vor Fastnacht häuft es sich, neben unserer Sitzung sind wir auf Veranstaltungen befreundeter Vereine mit dabei, dazu kommen die Umzüge«, sagt er.
Dann, wenn es erst gegen vier Uhr früh ins Bett geht, verrät er, lässt er am Sonntagmorgen auch mal den Gottesdienst ausfallen.
Aktuell ist er wieder mit seinen Vereinskollegen als »Karl« unterwegs, auch allein hat er schon oft die Bütt gerockt.
Ein Spagat zwischen Glauben und Karneval sieht er allenfalls zeitlicher Art.
»Denn neben Karneval und Kirche wartet auch ein anstrengender Berufsalltag als Selbstständiger auf mich«, sagt Wassmuth. »Doch noch fühle ich mich fit, all das zu stemmen.« Carolin Merkel

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Trump als Chance für die EmK?

Ein Kommentar von Volker Kiemle

Die Welt schaut ungläubig nach Amerika. Schon in der ersten Amtswoche hat der neue US-Präsident eine Reihe Dekrete erlassen, die die Welt grundlegend verändert haben: Er hat Handelsverträge gekündigt, Bürger zahlreicher Nahost-Staaten mit einem Einreiseverbot belegt und den Bau einer Mauer zu Mexiko angeordnet. Er hat die EU beschimpft, renommierte Journalisten als Lügner bezeichnet und Kritiker per Twitter  diskrediert. Weder im Wahlkampf noch nach seiner Amtseinführung zeigt Donald Trump die Souveränität, hat, die man vom Inhaber dieses Amtes erwarten darf.
Auch viele Glieder der US-amerikanischen EmK sind verunsichert. Denn Trump stellt bisher für selbstverständlich erachtete demokratische und kulturelle Errungenschaften offen in Frage: Pressefreiheit, Anerkennung staatlicher Institutionen wie Geheimdienste, Gerichte und Ministerien, Schutz von Minderheiten, Freizügigkeit und sogar die den US-Bürgern heilige Meinungsfreiheit. Das ist so erschreckend, dass die EmK in den USA für den Abend der Amtseinführung am 20. Januar ihre Glieder dazu aufgerufen hat, sich in Hauskreisen zu versammeln und über ihre gemeinsame Basis zu reden: Der Glaube an einen Gott und das wesleyanische Erbe. In den Gesprächen sollten die Herausforderungen für die Gemeinden und die ganze Nation thematisiert werden, die Trumps Präsidentschaft mit sich bringen wird.
Diesen Aufruf kann man deuten als Appell zum Zusammenrücken angesichts einer unheimlichen, nicht einzuschätzenden Bedrohung. Und vielleicht ist genau das die Chance für eine neue Einheit in der EmK. Denn spätestens bei der Generalkonferenz im vergangenen Mai ist deutlich geworden, wie tief gespalten die Kirche in der Frage der Homosexualität ist. Der Riss, der durch die US-amerikanische EmK geht, bedroht inzwischen auch die weltweite EmK so sehr, dass für 2019 eine außerordentliche Generalkonferenz nur zu diesem Thema anberaumt ist. Abgesehen von den tiefen Verletzungen kostet diese Debatte Kraft und Geld – Ressourcen, die für die Lösung wirklich dringender Probleme wie wachsende soziale Ungleichheit, Armut, Kriege, Flüchtlingswellen, Klimawandel und Krankheiten gebraucht werden. Und wer weiß: Vielleicht muss sich die EmK bald deutlich für den Schutz von Homosexuellen in den USA einsetzen.

Das große Ziel kommt noch

Neu anfangen gehört zum Leben – und zum Christentum: Die Bibel ist voll von Menschen, die sich mit Gott auf den Weg machen. Was wir daraus lernen können, erzählen die Theologen Jörg Barthel und Roland Gebauer im Gespräch mit Volker Kiemle.

Viele Geschichten der Bibel handeln vom Unterwegssein und von Aufbrüchen. Welche Grundmuster lassen sich in diesen Erzählungen erkennen?

Barthel: Es gibt die großen Aufbrüche – den Auszug aus Ägypten, Abrahams Auszug aus seiner Heimat, Israels Rückkehr aus dem Exil – und die kleinen Aufbrüche: biografische Aufbrüche oder auch Feste der Erinnerung und des Neuanfangs. Dabei geht es zum einen immer darum, sich von etwas zu trennen. Das kann auch heißen, von etwas befreit zu werden – etwa aus der Knechtschaft. Zum anderen hat man ein Ziel vor Augen und macht sich auf zu diesem Ziel. Das ist bei Abraham so oder auch beim Auszug aus Ägypten: Das Ziel ist der Impuls, aufzubrechen.

Was sagt diese Betonung des Unterwegsseins über das Wesen des Christentums aus?

Barthel: Israels Geschichte im Alten Testament ist ja ein ständiges Auf und Ab – mal hat man das Land, mal verliert man es wieder. Man erreicht die Ruhe und verliert sie wieder. Das große Ziel steht immer vor Augen, es gibt aber immer wieder Wegänderungen. Unterwegssein und Ankommen sind keine Gegensätze. Vielmehr setzt jedes Ankommen ein neues Unterwegssein voraus.

Gebauer: Unterwegssein gehört zum Christentum, weil Gott mit uns und mit seiner Welt unterwegs ist und dieses große Ziel noch aussteht. Dazu gehört dieser Impuls von außen, aufzubrechen – selbst Jesus bekam ihn, als er getauft wurde. Das war für ihn der Startschuss für den Aufbruch in die öffentliche Wirksamkeit. Die Jünger werden herausgerufen aus ihrem Alltag, das Pfingstwunder ist ein Impuls von außen. Wobei der Impuls auch eine innere Wahrnehmung sein kann. Aber es ist Gott, der hier eingreift und auf sein Ziel hin ausrichtet.

Was ist das Ziel?

Gebauer: Ich denke da etwa an die Verheißung der himmlischen Ruhe, von der der Hebräerbrief spricht (Hebräer 4,1–11). Das Unterwegssein zu dieser Ruhe, von dem auch Augustin redet – »Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir« – ist eine Grundstruktur des Christseins.

Barthel: Im Hebräerbrief heißt es ja auch: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebräer 13,14). Das heißt, wir bleiben unterwegs. Es gibt so etwas wie eine grundlegende Fremdheit des Christen in der Welt, auch wenn er in dieser Welt zuhause ist.

Wann ist ein Christ »fertig« – oder im methodistischen Sinne »heilig«?

Gebauer: Fertig ist er nie! Unterwegssein heißt, mit Gott und zu Gott unterwegs zu sein. Natürlich kann ich an gewisse Abschnitte einen Haken dranmachen und sagen: Teilziel erreicht. Das ist wie in einer Ehe, die ja auch nie fertig ist, sondern jeden Tag neu gelebt werden will. Es gibt Phasen, wo man richtig genießen kann, es gibt aber auch Zeiten, wo man gefordert ist. So ist es im Unterwegssein mit Gott auch. Wenn ich mich in meinem Unterwegssein von Gott getragen fühle und immer neu bereit bin, seinem Ruf zu folgen: Das würde ich heilig nennen.

Heilig ist also kein Punkt …

Barthel: … sondern ein Prozess. Deshalb spricht der Methodismus von Heiligung – in der Endung »ung« steckt das Prozesshafte schon drin. Das Wachsen und Reifen im menschlichen Leben und im Glauben durchläuft verschiedene Phasen. Ein Angekommensein, eine Vollkommenheit im Sinne von »Ich bin jetzt fertig« gibt es aber meiner Meinung nach nicht. Für mich ist das Wort Vollkommenheit nur sinnvoll, wenn man es im Sinne von Ganzheitlichkeit versteht. Das bedeutet, dass ich reife zu dem, was ich bin beziehungsweise was Gott in mir sieht. Die Bibel spricht hier von Wachstum im Glauben.

Gebauer: Vielleicht kann man es auf den Begriff der Liebe zuspitzen: Ich weiß mich bedingungslos von Gott geliebt und ich liebe ihn mit meinem ganzen Lebensvollzug – für mich persönlich und mit anderen zusammen für die Welt. Das wäre Heiligung – nicht Heiligkeit.

»Ach, ich bin des Treibens müde«, heißt es in Goethes »Wandrers Nachtlied«. Wann darf ich als Christ auch mal des »heiligen Treibens« müde sein?

Gebauer: Es gibt tatsächlich Phasen, in denen ich mich müde fühle und nicht mehr weiter kann oder will. Das gehört letztlich auch zu einer ganzheitlichen Beziehung – auch zur Beziehung mit Gott. Gott hat ja auch das Wohl meiner Seele im Blick; ich darf mich auch ausruhen. Jesus hat es ja auch getan. Es ist die Herausforderung, beides, Ruhen und Treiben, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Das dürfen wir lernen, und wir sollten da viel gelassener sein!

Barthel: So sagt ja auch Psalm 23: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt zum frischen Wasser.« Das ist ein Psalm des Unterwegsseins, in dem das Verweilen in der Oase eingeschlossen ist. Wenn das Heilige zum Betrieb wird – in dem Wort steckt ja das »Treiben« –, dann wird es problematisch. Die Menschen in unseren Gottesdiensten sehnen sich danach, an diese stillen Oasen zu kommen, um wieder Kraft für ihren Alltag zu gewinnen. Die Erfahrung des Heiligen ist ganz wesentlich eine des Zur-Ruhe-Kommens, der Gelassenheit.

Aber nur Konsumieren geht doch auch nicht, oder?

Barthel: Die Balance ist wichtig. Ein Gottesdienst kann wie die Rast bei einer Wanderung sein: Ich unterbreche die Wanderung, gleichzeitig stärke ich mich für die nächste Etappe, auf die ich mich dann auch wieder freuen kann.

Gebauer: Ein Beispiel aus der Bibel ist der Prophet Eli-
ja: Während einer Wanderung durch die Wüste war er wirklich am Ende. Da wurde er bei einer Rast von Gott an Leib und Seele gestärkt, bis hin zu einer ganz neuen Begegnung mit Gott (1.Könige 19,1–15). Das heißt doch: Gott geht sehr auf unsere Bedürfnisse ein und baut uns auf!

Wie bricht man als Christ richtig auf?

Barthel: Aufhören ist wichtig, und zwar im doppelten
Sinn: Ich lasse etwas, wenn ich erkenne, dass ich an bestimmte Dinge gefesselt bin – schlechte Gewohnheiten, Besitz oder ähnliches. Der erste Schritt wäre, in mich zu gehen und zu überlegen, was mich davon abhält, so zu leben, wie ich es eigentlich will. Gleichzeitig steckt im Aufhören auch das Hören auf etwas anderes. Das heißt, ich lasse mich inspirieren von einem Ziel, einem Lebensentwurf, der mich reizt, etwas Neues zu tun. Das ist dann kein Zwang zur Veränderung, sondern ein Ziel, zu dem ich hinmöchte.

Viele Menschen setzen sich ja am Jahreswechsel solche Ziele. Warum funktioniert das häufig nicht?

Barthel: Wahrscheinlich deshalb, weil man es versäumt, tief genug zu fragen, was das Alte ist, das man abwerfen muss an Lasten. Wenn ich nicht wirklich bereit bin, diese Lasten abzuwerfen, dann verpufft der Aufbruch sehr schnell.

Sich messbare Ziele zu setzen und die Etappen zu planen, das ist ja auch eine Methode aus der Arbeitswelt. Wie viel von diesem Projektdenken tut dem eigenen Leben gut?

Barthel: Indem ich diese Art, mein Leben zu betrachten, auf die Bereiche beschränke, wo es sinnvoll ist. Wenn ich mein Büro zu organisieren habe, dann ist Effizienz sinnvoll. Wenn ich aber daneben nicht die andere Dimension in meinem Leben habe, die sich nicht quantifizieren und organisieren lässt, dann bin ich schnell überfordert und ausgebrannt. Für mich gehören zu dieser anderen Dimension zum Beispiel auch die Naturerfahrung oder die Kunst.

Gebauer: Wenn wir ausschließlich berechnend und planmäßig vorgehen, dann werden wir dem nicht gerecht, was Beziehung ausmacht. Beziehung ist ja nicht die Gestaltung eines Weges anhand einer Berechnung, sondern eine Herzensangelegenheit – das gilt auch für die Beziehung mit Gott. Wenn ich auf diesem Weg einen starken inneren Drang fühle, etwas zu verändern, dann ist es Zeit, neue Schritte zu tun – möglicherweise auch ohne die einzelnen Etappen zu kennen. Dabei ist der Prozess vielleicht schon das Ganze.

Der Weg ist also das Ziel?

Gebauer: Der Sinn unserer Existenz als Geschöpfe Gottes ist, mit ihm unterwegs zu sein. Da ist der Weg das Ziel. Wenn man aber Gottes ganze Geschichte mit uns Menschen ansieht, dann sind wir unterwegs zu der neuen Welt Gottes, in der die Verhältnisse ganz anders sein werden – wo die Zeit in die Ewigkeit, das eine große und letzte Ziel, überführt wird.

Wachsam bleiben!

Deutschland ist sicherer geworden: Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Morde um 40 Prozent gesunken, in den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Vergewaltigungen um 20 Prozent abgenommen. Deutschland ist unsicherer geworden – zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen. Vor allem seit der letzten Silvesternacht in Köln geht das Gespenst um vom testosterongesteuerten Flüchtling, der nur nach Deutschland gekommen ist, um deutsche Frauen sexuell zu belästigen und zu vergewaltigen. Der Jugendliche, der in Freiburg eine junge Frau vergewaltigt und umgebracht hat, passt da genau ins Bild und liefert Munition für den – bisher verbalen – Kampf gegen »die« Flüchtlinge. Ist Deutschland durch Zuwanderer unsicherer geworden? Nach wie vor kommen mehr als drei Viertel der Vergewaltiger aus dem direkten Umfeld ihres Opfers. Viele Vergewaltigungen, gerade im familiären Umfeld, werden nicht angezeigt. Die Zahl der Straftaten ist im vergangenen Jahr zwar um vier Prozent auf 6,33 Millionen gestiegen. Dafür verantwortlich sind aber vor allem Verstöße gegen Asyl- und Aufenthaltsgesetze sowie Fahrausweisdelikte. Sprich: Wird ein Flüchtling am falschen Ort aufgegriffen, zählt er schon als krimineller Asylant. Pauschale Verurteilungen helfen nur jenen, die unsere Gesellschaft spalten wollen – gerne auch mit erfundenen Meldungen. Bleiben wir wachsam!

Volker Kiemle leitet die Zeitschriftenredaktion der EmK.

»Ich möchte den Glauben in eine neue Freiheit bringen«

Er hat die »Jesus Freaks« gegründet, ist als Prediger unterwegs und hat mit der »Volxbibel« eine Bibel in Jugendsprache vorgelegt. Dafür hat er viel Kritik einstecken müssen. Doch Martin Dreyer geht Streit nicht aus dem Weg. Auch sein neues Buch »Der vergessene Jesus« bietet Angriffspunkte. Im Gespräch mit Volker Kiemle erklärt er, warum ein falsches Jesus-Bild für leere Kirchen sorgt.

Herr Dreyer, warum haben Sie gerade jetzt ein Buch über Jesus veröffentlicht?13 : 18 Hochformat
Martin Dreyer: Ich wurde letztes Jahr zu Weihnachten gebeten, den Leitartikel für ein recht bekanntes politisches Magazin zu schreiben. In diesem Artikel habe ich Seiten von Jesus herausgestellt, die in dem Bewusstsein der meisten Menschen nicht vorhanden sind. Und das, obwohl sie in der Bibel vorkommen. Jesus, der bereits betrunkenen Partygästen noch mehr Alkohol besorgt. Jesus, der aggressiv mit einer Waffe in der Hand im Tempel die Tische der Händler umtritt. Jesus, der ein völlig neues Gebot des »Nicht-Sorgen-Dürfens« aufstellt, an das sich bis heute kaum ein Christ hält. Das Gütersloher Verlagshaus, welches zu Random House gehört, hat den Artikel gelesen und mich gefragt, ob ich aus dem Thema ein ganzes Buch machen könnte. Und das konnte ich.

Viele Autoren vor Ihnen haben schon einen »anderen Jesus« gezeichnet – »Jesus liebt mich« von David Safier, »Jesus Menschensohn« von Khalil Gibran oder die mehrbändige Jesus-Enzyklopädie von Papst Benedikt XVI. Nicht zu vergessen Franz Alt mit »Jesus, der erste neue Mann«. Was unterscheidet Ihr Buch von den anderen?
Martin Dreyer: David Safier macht sich ja eher lustig über Jesus. Papst Benedikt hat ein wahres theologisches Meisterwerk geschrieben, was aber kein normaler Mensch wirklich ganz versteht. Ich habe mich in dem Buch eines neuen Sprachstils bedient. Ich wollte mit kurzen, knalligen Sätzen ein Bild von Jesus zeichnen, das so keiner bis jetzt zu Papier gebracht hat. Jesus, der als erstes Wunder nach Johannes eine Party rettet. Und zwar mit 600 Litern Alkohol zu einem Zeitpunkt wo die Hälfte der Gäste schon im Vollrausch war. Das ist doch auch eine Aussage. Jesus scheint nichts gegen feiern, Partys und auch nichts gegen Alkoholgenuss zu haben. Zumindest so lange es nicht krankhaft und süchtig passiert. Das finde ich interessant.Warum ist das noch nicht bis in alle Kirchen durchgedrungen?

Für wen ist das Buch gedacht?
Martin Dreyer: Das Buch ist gedacht für Menschen, die schon irgendwie an den christlichen Gott glauben, aber ein schräges Gottesbild haben. Beim Schreiben kamen mir dabei Christen aller Konfessionen in den Sinn. Ich bin in den letzten 25 Jahren meines Dienstes in fast jede Konfession eingeladen worden und habe dabei eine Menge beobachten können. Überall erlebe ich ein verzerrtes, krampfiges und viel zu moralisches Christentum, ohne viel Freude. Aber bei Christus kann ich von all dem nicht viel entdecken.

Welche Reaktionen haben Sie schon bekommen?
Martin Dreyer: Viele schreiben, das Buch sei starker Tobak und sie müssten über die Thesen erst einmal nachdenken. Die Rezensionen wirken sehr verhalten und differenziert. Ich glaube, viele haben Angst davor, sich zu bestimmten Positionen öffentlich zu outen. Denn es könnte für sie persönlich negative Konsequenzen haben, zum Beispiel im Beruf.
Gerade was den Bereich Sexualität angeht. Dabei will ich ja keine neuen Dogmenlehre entwerfen. Ich möchte Menschen nur dabei helfen, ihren Glauben in eine neue Freiheit zu bringen. Und ich will versuchen neue Denkanstöße zu geben.

Warum gehen Sie so ausführlich auf die Sexualität ein, obwohl wir da am wenigsten über Jesus wissen?
Martin Dreyer: Sexualität ist doch allgegenwärtig. Und in den Gemeinden, egal ob freie oder landeskirchliche, ist es überall Thema. Zumindest hinter verschlossenen Türen. Pfarrer, Pastoren und Pastorinnen werden gefeuert wegen sexueller Beziehungen. Seelsorger oder Lobpreisleiter beiden Geschlechts outen sich als homosexuell und werden prompt ihres Dienstes enthoben. Ich höre das überall. Aber auch in sehr vielen Jugendgottesdiensten, in denen ich predigen darf, kommen danach Jugendliche, die eine Beichte von sexuellen Sünden bei mir ablegen wollen. Und genau das ist der Punkt: Wir haben uns eine christliche Sexualmoral geschaffen, ohne dass wir Christus dazu befragt haben. Ich hörte im Dienst auch mehrfach von jungen Männern, die sich ihr Genital abschneiden wollten, weil sie es mit der gängigen christlichen Sexualmoral nicht in den Griff bekamen. Übrigens auch von Frauen. Das muss man sich mal vorstellen. Mir war es wichtig, in dem Kapitel zuerst nur positiv über dieses Thema zu schreiben.

Was heißt das?
Martin Dreyer: Der Evangelist Johannes erwähnt, dass Jesus von Anbeginn der Schöpfung dabei war. Paulus bestätigt dies im Kolosserbrief noch einmal: »Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen worden …« (Kolosser 1,16). Also hat er auch die Sexualität erschaffen. Sexualität ist etwas Göttliches, etwas nur Gutes, ein Riesengeschenk, das Jesus uns gemacht hat. Wir sollten als Jesusnachfolger mehr darüber nachdenken, wie wir dieses Geschenk in dankbarer Weise auspacken, ausleben und genießen können. Wir wissen, dass Jesus ein normaler Mann war. Er hatte alle menschlichen Bedürfnisse, die die Wissenschaft heute kennt. Ich finde es vollkommen abwegig zu glauben, dass Jesus nicht auch sexuelle Gefühle kannte. Auch wenn er sie vielleicht nie mit einem Menschen ausgelebt hat. Er war doch der Immanuel, »Gott mit uns« (Jesaja 7,14), »Das Wort wurde Fleisch« (Johannes 1,14). Überall wo ich das sage, schreien Christen auf. Vielleicht auch, weil Jesus ihnen plötzlich zu nahe kommt. Nicht nur ins Herz, sondern auch in die Hose.

Jesus könnte gekifft haben, schreiben Sie. Warum ist das wichtig?
Martin Dreyer: Auch hier geht es mir vor allem um einen lebensbejahenden Jesus. Ich glaube, dass Jesus ein sehr fröhlicher Mensch gewesen ist, dass er oft gelacht hat, dass er das Leben genossen hat, dass er sich gefreut hat und auch feiern konnte. Ob Jesus nun gekifft hätte, weiß ich natürlich nicht. Aber er hat definitiv Wein getrunken, das wissen wir aus der Heiligen Schrift. Er wurde sogar als Weinsäufer beschimpft. Jesus war kein Asket. Jeder der Wein trinkt weiß, dass schon nur ein Glas einen kleinen Rausch auslöst. Das muss bedeuten, dass auch der Gottessohn Rausch gekannt haben muss. Rausch an und für sich ist nichts Sündiges. Die Jünger in der Apostelgeschichte werden ja sogar beim Kommen des Geistes von Außenstehenden als berauscht wahrgenommen (Apostelgeschichte 2,13). Ich schreibe aber auch über Sucht als tödliche Krankheit, die immer eine lebensbedrohende Gefahr für süchtige Menschen darstellt. Wer suchtkrank ist, sollte nicht kiffen und auch keinen Alkohol trinken. Jesus hat alle Krankheiten geheilt.

Sie stellen den Lesern »Jesus als Freak« vor. Wie viel Martin Dreyer steckt in Ihrem Bild von Jesus?
Martin Dreyer: Zuerst stelle ich Jesus als einen normalen Menschen vor, der aber auch gleichzeitig Gottes Sohn ist. Doch mit seinen Worten und Taten würde man ihn heute wohl auch als Freak bezeichnen können. Mein persönliches Bild von Jesus hat sich in den letzten 33 Jahren stetig gewandelt. Ich glaube, das ist auch normal und gesund. Dabei habe ich nie versucht, mir einen Jesus so basteln, wie er gerade in mein Leben passt. Die Veränderung meiner Gottesvorstellung hatte stets mit regelmäßigem und auch zunehmend kritischem Bibelstudium zu tun. Viele der Gedanken aus dem Buch sind aber auch im täglichen Erleben Gottes, in hunderten Gesprächen mit Christen und Nichtchristen erwachsen. Dazu kommt eine intensive Beschäftigung mit der Kirchengeschichte und anderen Dingen.

Welche Frage hat Sie dabei am meisten umgetrieben?
Martin Dreyer: Sehr stark hat mich die Frage beschäftigt, warum die Kirche in Deutschland zur Zeit langsam stirbt. Wachstum passiert nur noch durch eigene Kinder und vielleicht durch ein paar Flüchtlinge. Neue Gemeinden profitieren von Christen aus anderen Gemeinden. Da ich den Glauben an Jesus als die schönste und glücklichste Erfahrung meines Lebens erlebt habe, kann ich das nicht verstehen. Und ich kam auf die Frage, ob dies vor allem mit einem falschen Jesusbild zu tun hat, mit einer falschen Darstellung von dem, wie es ist, ein Christ zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre sehr viel Weite bei Gott erfahren. Jesus ist nicht so leicht zu fassen, wie wir es vielleicht glauben. Die Gotteserkenntnis hat nie ein Ende, wenn man sich wirklich ganz auf ihn einlässt.

Foto: privat

Martin Dreyer: Der vergessene Jesus. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, 15,99 Euro. ISBN: 978-3-57908-530-2

Arbeiten mit Leidenschaft

Erntedanktische werden in diesen Tagen geschmückt. Wir danken für eine
gute Ernte und für unser täglich Brot, das es bei uns reichlich und in großer
Vielfalt gibt. Wie aber geht es den Menschen, die in der Landwirtschaft
arbeiten und die Lebensmittel produzieren? Michael Putzke hat zwei Bauern
auf ihren Höfen besucht. Sofort war spürbar: Diese Menschen arbeiten
gerne in der Landwirtschaft, aber es ist ein Beruf, der viel fordert.

Mit einer Hand greift Jens Villnow auf das Förderband und prüft die Weizenkörner:
Keine Spelzen, keine Bruchkörner, Grannen oder Strohreste. Alle Körner sind gleich groß. Der Landwirt nickt zufrieden. So muss das Korn aussehen.
Seit 1999 arbeitet der 58-Jährige in Nordhessen auf einem Hof, der auf Saatgut spezialisiert ist. Im Jahr produziert die Domäne Mittelhof im kurhessischen Bergland auf 275 Hektar Ackerland rund 500 Tonnen Saatgut. Dazu kommen noch weitere 500 Tonnen, die als Futtergerste, Back- und Futterweizen verkauft werden.
Um Getreide als Saatgut verkaufen zu können, muss es zertifiziert werden. Im Feld muss das Getreide sauber aufwachsen. Es geschieht immer wieder, dass alte Samenkörner auf dem Feld liegen bleiben und dann austreiben.
»Die müssen raus«, erklärt Jens Villnow. »Da muss ich durch das Feld gehen und mit der Hand die falschen Pflanzen ausreißen.« Wenn in den Monaten Mai und Juni das Korn gewachsen ist, prüft ein sogenannter »Feldanerkenner« vom Amt für Landwirtschaft, ob die Ähren gleichmäßig gewachsen sind und ob Unkraut im Feld ist. Weiter verfügt der Betrieb über Maschinen, die das Saatgut reinigen und die Körner nach Gewicht sortieren können. Dazu waren Investitionen von 200.000 Euro notwendig. Das Geld muss wieder reinkommen, dafür muss man flexibel sein. Jedes Jahr wird neu entschieden, welche Sorten Getreide angebaut werden. Immer mit der Frage konfrontiert, welche Getreidesorten vom Markt abgefragt werden.

Erntedankfest auf dem Acker mitten im Jahr
Was ist das Schöne am Beruf des Landwirts? »Die Arbeit in und mit der Natur«, sagt Jens Villnow »und der Umgang mit moderner Technik, die sich ständig weiterentwickelt.« Wenn der Boden gepflügt und ordentlich vorbereitet ist, dann kann er mit der Sämaschine aufs Feld. »Jede Bahn muss schnurgerade sein«, hebt der Landwirt hervor. »Jede Bahn ist für mich ein Erlebnis und gibt mir Zufriedenheit.« Dann ist das Korn im Boden und man lässt es wachsen.
Wenn nach zehn Tagen die junge Saat aus dem Boden kommt, »so schmal, spitz und zartgrün«, dann sei das einfach ein tolles Bild. Das sind die schönsten Momente im Leben eines Landwirtes, ein Erntedankfest mitten im Jahr.
Als Landwirt muss man sich ständig anpassen, trotz aller Technik, die es heute gibt. Den Regen könne man nicht bestimmen und den Frost auch nicht. So verzeichnete der Hof im Jahr 2012 über hunderttausend Euro Schaden, weil im Frühjahr sechzig Prozent der Aussaat erfroren ist. Da sei schon im Frühjahr der Verdienst auf der Strecke geblieben.

Der Trend in der Landwirtschaft: Immer größer, mehr und billiger
Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Früher gab es viele Familienbetriebe, die Kühe, Schweine und Hühner hielten und dazu noch Ackerbau betrieben. Jeder hatte alles und war damit nahezu autark. Heute gibt es diese Betriebe kaum noch. Landwirte müssen sich spezialisieren und dafür Risiken eingehen. Horst Käse hatte mit seinem Hof auf Milchkühe gesetzt. Im nordhessischen Ort Uengsterode hielt er einen kleinen Hof mit 30 Kühen.
1979 hat er dann den Schritt gewagt und ist ausgesiedelt.
Außerhalb des Dorfes baute er einen neuen Stall für 60 Kühe. Als der Milchpreis fiel, hatte er zeitweise 80 Tiere im Stall, um die Kosten aufzufangen.
Da standen die Tiere unter Stress und wurden nach und nach krank. Den Gewinn habe er gleich wieder an den Tierarzt weitergeben müssen. »So geht das nicht«, sagte der 60-Jährige entschlossen und reduzierte wieder die Zahl der Milchkühe auf 50, dazu noch Rinder und Nachzucht. Eine Zeit lang konnte der Hof von Horst Käse damit gut leben. Aber der Preis der Milch fiel weiter. Eigentlich braucht es einen Preis von 40 Cent pro Liter, sagt der Landwirt. Irgendwann fiel der Preis auf 20 Cent. »Da habe ich die Milch in die Gülle gekippt.« Der Preiskampf der Discounter, die den Liter Milch für 47 Cent anbieten, bringt Milchbauern in größte Nöte. Im Mai 2016 entschloss sich Horst Käse schweren Herzens, die Milchviehwirtschaft einzustellen.
Jetzt zieht er Kälber auf, die er nach acht, neun Monaten weiterverkauft.
Das Schöne an seinem Beruf sei die Arbeit mit den Tieren, sagt Horst Käse. Von den Milchkühen habe er jedes einzelne Tier gekannt. Und wenn sie heute auf der Weide stehen, könne er die Tiere von weitem unterscheiden.
»Wenn es den Tieren gut geht, geht es mir auch gut«, betont der drahtige Landwirt. Jetzt freut er sich, wenn die Milchkühe kalben und die Milch den Kälbern zugutekommt. Insgesamt hat der Hof zur Zeit 184 Stück Vieh, das auf den Weiden und im Stall steht.
Das Grünfutter produziert Horst Käse auf den 110 Hektar Land selbst; den Tieren schmeckt das Gras eben am besten. So kann es für ihn weitergehen.
Hauptsache, die Preise bleiben stabil. mip