Die Ostererfahrung der Heimatlosen

7Wanderer

Wir sind Zeugen einer Völkerwanderung, die auch unsere Gemeinden und unsere Kirche verändert. Damit leben wir das Zeugnis von Ostern, sagt George Miller – weil Migranten als »Osterleute« uns daran erinnern, auf welches Ziel wir hinleben.

Wir Migranten und Migrantinnen sind Osterleute, die Exodus und Leben im Exil noch richtig kennen. Und die es leben – müssen. Ob wir die Heimat freiwillig verlassen haben oder zwangsweise unterwegs waren und jetzt hier sind: Wir alle haben manches hinter uns. Jetzt sind wir Fremde in einem fremden Land.
Wir bringen jede Menge Erfahrungen mit. Manche von uns spüren am eigenen Leib, was das heißt: Tod, Zerstörung, Verfolgung, Armut, Entbehrung, Diskriminierung.
Also all diese Begriffe, an die die Welt sich fast schon zu gewöhnen scheint. Und die Liste wird immer länger. Mut brauchen wir alle, um aufzubrechen und Vertrautes und sicheres Terrain hinter uns zu lassen. Vom »gelobten Land« sind wir so ziemlich alle gefühlt und faktisch noch weit entfernt. Was aber macht uns Wanderer dann zu Ostermenschen?
In einem EmK-Seniorenkreis war kürzlich das Thema: »Gibt es Osterhasen in Nigeria?« Hinter dem etwas humorvollen Titel verbargen sich fundamentale Fragen nach dem Inhalt unseres Osterglaubens – nicht nur aus einheimischer Perspektive, sondern auch mit der Erfahrung unserer heutigen Migrantenwelt, in der Leute kommen und gehen – mal aus eigenem Antrieb, mal weil es nicht anders geht.

Auferstehung miteinander begreifen
Was bringen diese Einwanderer und Durchreisenden uns also an Glaubenserfahrung, dass wir alle miteinander Auferstehung neu begreifen könnten? Immer wieder sind es Bibelworte des Trostes und der Zusagen Gottes, die die Menschen tragen im Ringen, Kämpfen und den ganz alltäglichen Unsicherheiten. Hebräer 6 gehört dazu: »So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken – denn es ist unmöglich, dass Gott mit ihnen lügt –, einen starken Trost haben, die wir unsre Zuflucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung. Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele, der hinreicht in das Innere hinter dem Vorhang« (Hebräer 6, 18–19).
Manchen Menschen ist diese Zusage alles, was ihnen geblieben ist: Gott wird uns segnen, und wir werden dadurch dann auch anderen zum Segen werden. In das Allerheiligste hinter den Vorhang dürfen wir treten und zu unserem neuen Hohepriester vorstoßen. Inmitten von Heimatsuche und Wanderschaft sind wir schon Bundespartner und Kinder von Gottes Zusage, dass wir irgendwann frei sind von all dem, was Gottes Schöpfung zerstören will.

Zuversichtlich unterwegs
Das ist die Auferstehungshoffnung für die Osterfremden:
Dass Leute unterwegs zuversichtlich auf die Kraft und Verlässlichkeit dieses Gottes setzen – und das im Angesicht all des Negativen, des Verlusts und der Entbehrung.
Wenn der Gott von Ostern alles Schaffen und alles Werden unter seiner Kontrolle hat, dann ist das Ergebnis letztendlich immer Auferstehung und neues Leben.
Und so leben wir unseren Ruf als Wandernde. Unser Auftrag: uns auszustrecken nach der Lebenswirklichkeit »auf der anderen Seite des Kreuzes«. Machen wir uns nichts vor: Die Umsetzung dieses Auftrags erinnert oft mehr an schwierige Geburtswehen als an einen Spaziergang im Park. Aber dann wenden sich Verlust und Entbehrung in den Sieg über den Tod. Jetzt sind wir im Exil, dann sind wir daheim.
Diese momentane Zeit des Exils beschreibt der Theologe Walter Brüggemann als einen »harten und riskanten Verhandlungsprozess«. Migranten und Migrantinnen wissen, was das heißt. Wir sind wahre Meister, wenn es darum geht, im richtigen Leben immer neu verhandeln zu müssen. Als Christ brauchen Migranten einen starken Glauben, um sich inmitten des »ganz normalen Lebens« auf die andere Seite des Kreuzes auszustrecken und die Alternative schon jetzt zu leben.
Es kann bedeuten, in der einen oder anderen Situation keine Kompromisse einzugehen und stattdessen für Gerechtigkeit und Frieden aufzustehen – auch wenn es riskant ist. Das ist Osterglaube für die Fremden in einem fremden Land. Manchmal ist es ein schlichtes Nein, sich an die gegebenen Konventionen, Kultur oder Gesellschaft anzupassen, wenn das, was hier gefordert wird, mit dem Leben des Hohepriesters Christus nichts mehr zu tun hat.

Die Chancen der Wanderschaft
Aber die Wanderschaft bietet auch gewaltige Chancen für das Pfingstwunder der Osterleute. Dies geschieht immer, wenn Migranten und Migrantinnen plötzlich Teil einer gut eingerichteten einheimischen Gemeinde werden, wenn alle sich aufmachen müssen und das Gewohnte auf allen Seiten wieder frischen Wind und neues Leben spürt.
In den frühen Jahren der Kirche war das normal:
Eine Bewegung von Leuten, die unterwegs waren, lebte aus der Hoffnung und dem Zeugnis von der anderen Seite des Kreuzes. Das volle Verständnis des Mysteriums von Ostern – das war den Leuten damals wie uns heute klar – wird es erst an dem Tag geben, an dem alle Menschen nach Hause gekommen sind in Gottes Zukunft. Bis dahin sind wir unterwegs als Osterfremde in einem fremden Land und machen Erfahrungen von Passion und Ostern – manchmal beides zugleich: Auferstehungsglaube eben zwischen all diesen Zeiten.

»Jetzt ist Babylon, nicht Jerusalem«
Dieser Glaube wächst nicht automatisch oder aus purer Vernunft heraus. Der Anspruch ist hoch und fordert Menschen überall, ihre Komfortzonen aufzugeben. Migranten und Migrantinnen geben nur den Auftakt und das Thema für uns alle. Es geht nicht, den guten alten Zeiten, der verlorenen Heimat und reinen Kultur nachzuhängen und darüber vor lauter Bewahrungsmentalität die Mission zu vergessen – jetzt ist Babylon und nicht Jerusalem.
Als Osterfremde geben wir den Irrglauben auf, dass wir ohne Anderes und Neues in diesem Land das Innerste des Heiligtums auch nur ansatzweise erreichen könnten. Wir erkennen als Osterbegeisterte, dass wir als Kirche per se ein Ort der Zuflucht und Heimat für Fremde schon sind und werden und immer gewesen sind, dass Beziehungen hier nur auf gleicher Ebene gelebt werden können, Vielfalt als Reichtum geschätzt, Innovation und bahnbrechende Neuerungen willkommen sind und zum Konzept dazugehören und dass Lernen von und die Ermächtigung der Anderen einfach dazugehören. Wenn wir als Osterfremde in einem neuen Land unterwegs sind, gibt es keine Gastgeberchristen oder Migrantenchristen mehr, keine Rede von »zu laut« und »zu kalt« und »zu anders«, »zu chaotisch« oder zu »steif«, und aus den geschlossenen Vereinen wird eine Bewegung hin auf die andere Seite des Kreuzes.
Nicht zuletzt sind wir Methodisten. Und eines der Kennzeichen der Methodisten ist, dass wir unseren Glauben heraussingen. Unser Glaubensgesang handelt von der Befreiung von der langen Nacht der Ungerechtigkeit, Befreiung von dem Dunkel aller Karfreitage.
Noch sind die Dinge nicht so, wie sie einmal sein sollen, aber eines Tages wird Ostern ein Zustand, der einfach bleibt.
Und so strecken wir uns aus zur anderen Seite des Kreuzes und laden andere ein, mit uns zu singen, immer weiter – von unser aller Oster-Migranten-Geschichte.

George Miller
ist Koordinator für die Migranten- und Internationalen EmK-Gemeinden in Deutschland.

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