»Wir müssen mit der Realität
des Terrors leben lernen«

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: Die jüngsten Attentate in
Deutschland haben die Menschen erschüttert. Doch die Angst vor dem Terror
ist irrational, sagt der Journalist und Nahostkenner Johannes Gerloff.

Gerloff

»Angst habe ich nicht.« Johannes Gerloff sitzt auf einer Bank im Nordschwarzwald und genießt den Sommertag. Vor zwei Tagen hat sich in Ansbach ein syrischer Asylbewerber mit einer Nagelbombe in die Luft gesprengt und mehrere Menschen verletzt, am Freitag zuvor hat ein 18-jähriger Deutsch-Iraner in München neun Menschen erschossen. Alltag dort, wo Gerloff lebt: Der Journalist arbeitet seit 1999 in Israel, berichtet für die Website »Israelnetz« und hält Vorträge über den Nahostkonfl ikt, der längst in Europa angekommen ist. »Wir sind in einem Krieg, der schon weiter fortgeschritten ist, als wir das oft wahr haben wollen«, sagt der Nahost-Experte. »Seit dem 11. September 2001 wissen wir, dass es dunkle Mächte gibt, die etwas gegen die freiheitlich-westliche Gesinnung haben.« Dieser Gegner sei sehr schwer zu greifen. »Aber er ist da.«

Die deutschen Sicherheitsbehörden wüssten das. »Schon 2003 hat mir ein Mitarbeiter des Bundesverfassungsschutzes in einem Vortrag gesagt, Israel führt einen Krieg an unserer Stelle«, erklärt Gerloff. »Das heißt: Hätten wir den Krieg nicht in Israel, dann hätten wir ihn hier.« Deshalb sei er auch von den aktuellen Anschlägen nicht überrascht. »Ich bin mit Muslimen im Gespräch und beobachte, wie viele hierherkommen «, sagt er. Gerade Deutschland sei durch seine Stellung zu Israel, aber auch dadurch, dass es westliche Werte vertrete, ein Anschlagsziel. »Es war nur eine Frage der Zeit, dass dieser Terror hierherkommt.«

Angst hat der Journalist deshalb nicht – weder in Deutschland noch in Israel. Das Sicherheitsgefühl sei ja vor allem eine psychologische Sache. Zum Beispiel habe sich der Terror, den Israel in den vergangenen eineinhalb Jahren erlebt habe, hochgeschaukelt durch die modernen Medien – allen voran Facebook und Twitter. »Als das zurückging, hat auch der Terror seine Wirkung verloren.«

In Deutschland geschehe jetzt gerade das Gegenteil. »Durch die Medien rückt der Terror nahe an uns heran – wir waren quasi live in München oder Ansbach mit dabei.« Und schon greife die Angst um sich – obwohl das Terrorrisiko nach wie vor gering sei. »In Deutschland starben im vergangenen Jahr 3.500 Menschen im Straßenverkehr«, sagt er. »Und dennoch fühlen wir uns im Auto sicher. Das ist total irrational.«

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Diesen psychologischen Faktor müsse eine Gesellschaft und jeder Einzelne in den Griff bekommen. »Sonst drehen alle völlig durch«, sagt Gerloff. Sich deshalb von der Angst leiten zu lassen, bringe aber nichts. Stattdessen müsse man wachsam sein – und dazu gehören für ihn auch schärfere Sicherheitskontrollen. »Wer zum Beispiel mit einem richtig großen Rucksack ins Kino möchte, sollte schon kontrolliert werden. Das passiert zu wenig.« Dazu brauche man keine schwer bewaffneten Polizisten – wie der Anschlag in Ansbach zeige, wo der Täter von einem Ticket-Kontrolleur abgewiesen wurde, ehe er sich vor einem nahegelegenen Café in die Luft sprengte.
Deutschland, sagt Gerloff, müsse mit der Realität des Terrors leben lernen. »Dazu gehört auch, die Dinge beim Namen zu nennen«, sagt er. »Wenn einer mit seinem Rucksack in die Luft geht, dann ist er kein mutmaßlicher Attentäter, sondern er ist ein Attentäter.« Volker Kiemle

Foto: privat

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